Corona-Sommer Nummer ZWEI

Etappe 2: Berlin, Berlin - wir fahren nach Berlin - Fahrtag Nr. 4

Ok, es ist soweit. Ich melde mich in Anderten an und kann sofort mit einlaufen. Das ist gut. Das Schleusenmesser liegt schon auf dem Dach, von einem Magneten gehalten, direkt auf Höhe der Mittelklampe. Da ringelt sich auch die Reserveleine. Alle klar. Let´s get ready to rumble. Hinter der Andreas - heute morgen mit mir zusammen auf der Weserbrücke und dann auf und davon - laufen wir ein, Tremonia und Homeoffice.

Mit deren Crew habe ich mich kurz per Zuruf verständigt: sie legen an Steuerbord an, ich kann daher meine Schokoladenseite nutzen und an Backbord in der Schleuse festmachen. Das Tor schließt sich, der Tanz beginnt. Der erste Schwall ist mächtig, wie im Fahrstuhl geht es einen Meter nach oben. Aber dann ist die Luft ´raus. Zwar muss man schon deutlich kräftig bei der Leinenarbeit zu Werke gehen, aber es ist kein Vergleich zu sonst. Die Schütze werden anscheinend nicht ganz aufgerissen und der Zustrom hält sich in Grenzen. Anderten für Weicheier! Für mich ein neues Erlebnis, ich bin heute hier das sechste Mal Einhand zu Berg gefahren und werde das erste Mal keinen Muskelkater haben. Es war ruppig, aber locker zu machen. Bin ich froh!

Was macht Anderten so besonders? Bei meinen Geschichten von Bord bekommt diese Schleuse immer dann einen besonderen Auftritt, wenn es ums Schleusen geht - oder eben um eine Fahrt auf dem Mittellandkanal. Sie ist ein Dinosaurier und wurde schon beim Bau des Kanals 1928 als Hindenburg-Schleuse in Betrieb genommen. Als Schleppzugschleuse ist sie mit 225 Metern bei 12,5m Breite großzügig dimensioniert worden. Viel Wasser muss also rein, denn es geht auch noch 14,7m in die Höhe. Da man Wasser sparen muss, gibt es auf jeder Seite 25 (!) Sparkammern, die übereinander angeordnet sind und aus denen das Wasser auf kurzem Weg mit großer Wucht in die Schleusenkammer läuft. Frachtschiffe kriegen die Strömung von beiden Seiten, aber Sportboote werden durch das Wasser unerbittlich von der Wand weggedrückt und man zieht wie ein Ochse, um sie an der Wand zu halten. Dann muss man schnell umlegen, dumm hier, dass die Nischenpoller ziemlich weit auseinander sind und so sehr ungünstige Winkel zum Festhalten des Bootes entstehen. Pausen gibt es keine, denn bei 25 Sparbecken wird nach wenigen Minuten gleich das nächste geöffnet, das ganze geht etwa 15 Minuten so. Ich zeige bei meinen Geschichten immer auch Fotos der Überströmkanäle - die sind so gewaltig, dass man mit einem Smart durchfahren könnte. Da erhält man dann so ein bisschen ein Gefühl dafür, über welche Kräfte hier geredet wird. Interessant: diese Kanäle sind aus Granit, und der stammt von Helgoland! Zur Zeit des Schleusenbaus musste Deutschland - Folge des verlorenen 1. Weltkrieges - seine Hochseefestung Helgoland schleifen. Und weil man sparsam war, wurden die Granitbauteile nicht einfach versenkt, sie wurden in die Heimat transportiert und finden sich bis heute an viele Stellen und in vielen Bauwerken. So auch hier in der Schleuse Anderten. Egal, ich bin oben. Und SEHR froh!

weiterlesen

21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 | 30 | 31 | 32 | 33 | 34 | 35 | 36

Zurück zur Auswahlseite

Der Reisebericht ist Teil der Domain www.czierpka.de. Das Copyright liegt bei Karl-Heinz Czierpka, es gelten die im Impressum und in der Erklärung zum Datenschutz aufgeführten Grundsätze. Wir sind unterwegs mit dem Motorkreuzer Tremonia 2.0