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Lebenslauf und politischer Werdegang:

1950

in Dortmund als Karl-Heinz Schulte geboren, die Eltern betreiben eine Bäckerei und der "Stammhalter" wird freudig begrüßt, soll er doch die handwerkliche Tradition der Familie weiterführen. Aufgewachsen bin ich im Dortmunder Westend, in der Adlerstraße! Über dieses Viertel gibt es sogar einen Song: "Alles was ich liebe und hasse heißt Adlerstraße" - Peter Freiberg (Cochise, Conditors) hat das Viertel besungen und ihm musikalisch ein Denkmal gesetzt: "keine feine Adresse, zuviel Gestank und große Fresse - für nette Leute nicht zu empfehl´n, Endstation für verlor´ne Seel´n" - so Freiberg. Er hat ein paar Häuser weiter gewohnt und aus dem Fenster den Blick auf dieselbe Fabrik (Miebach) gehabt. Gegen Peter habe ich mal einen Disk-Jokey-Wettbewerb verloren (das hieß damals von Platten-Jokey - und wurde auch genau SO ausgesprochen!), keine Schande, letztlich hat er später eine Karriere als Drehbuchautor, Radiomoderator, Sänger, Kabarettist und Schauspieler hingelegt, den Deutschen Fernsehpreis gewonnen - da bin ich ja eben nur ein kleines Licht.

1966

...nach Volks- und Realschule tatsächlich Eintritt als "Stift" in den elterlichen Bäckerei-Betrieb, ich hatte echt keinen Bock mehr auf Schule. Alternative wäre das Aufbau-Gymnasium gewesen - nochmal mindestens drei Jahre die Schulbank drücken - nein danke!

1968

Gesellenprüfung des Deutschen Bäckerhandwerks (mit Auszeichnung!), bis 1973 Tätigkeit in einer Dortmunder Großbäckerei, dort als Ofenführer spezialisiert auf saures Paderborner Landbrot bei Reinecke Fuchs in Dortmund-Eving an der Bergstraße - langweilige Maloche, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute die gleiche Arbeit. Ich war immer froh, wenn der LKW-Fahrer krank wurde und ich nachts die Rheinländer mit Kaisers Toast beliefern durfte. Abends ging es mit Lastzug und 3-Achs-Hänger los in Richtung Köln, gegen Mittag war ich wieder zurück in Dortmund. Und noch ein wichtiges Ereignis: Ich darf das erste Mal wählen - und gebe meine Stimme - Frucht des konservativen Elternhauses - der CDU! Doch dann wendet sich das Blatt.


Immer einen lockeren Spruch auf Lager: 1969 als DJ in einer Dortmunder Discothek, hinten Gudrun - war ich verknallt!

1969

Endlich das erste eigene Auto! Endlich! Musste ich doch vorher immer mit dem Lieferwagen ("Schultes Landbrot - DLG-prämiert") vor der Disco vorfahren, so ist es nun ein Citroen, aufgepimpt mit Zubehör der etwas unüblicheren Sorte - Spiegel, Positionslichter und die "Fühler" stammen vom LKW-Schrottplatz. Und etwas später dann eine feste Beifahrerin - Ute tritt in mein Leben, das ändert alles! Auf dem Foto beide mit Schlaghose - ich finde, die sehen einfach geil aus, machen eine schöne Silhouette diese Hosen...

1970

Wehrdienst in Lippstadt als Fernmelder, für mich wird der "Barras" zu einer wichtigen Zeit. Als einziger Nicht-Abiturient finde ich mich bei den Funkern wieder und dort in einer Gruppe von sehr kritischen jungen Männern. Statt Besäufnis (ok, war manchmal auch angesagt) gibt´s Kultur pur: Rock-Konzerte stehen auf der Tagesordnung, so lerne ich die Musik von Pink-Floyd, Deep Purple und Jethro Tull kennen. Unsere Deutsch-LK-Absolventen organisieren Lesungen - Brecht, Böll, Lenz - wir besuchen Veranstaltungen der Volkshochschule, ich lerne völlig neue Sichtweisen kennen, politische Diskussionen mit unseren Vorgesetzten sind an der Tagesordnung und der Spiegel wird meine Lieblingslektüre - ein echtes Kontrastprogramm.

Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt ("Innere Führung") erlaubt uns lange Haare - und der Spieß regt sich beim Morgenappell auf: "Sie müssen ja zum Scheißen die Haare heben" - wie oft haben wir uns eine Extra-Wache eingehandelt, gerne auch am Wochenende! Als Fahrer und Funker bin ich für den M113 Sieben-Null-Drei verantwortlich, einen zum Funkpanzer umgebauten Mannschaftstransportwagen MTW. Sieben-Null-Drei ist eine echte Scheißkarre. Batterieprobleme von Beginn an. Er konnte praktisch nur mit Netzanschluss fahren. Als ich mal krank war (dienst- und transportunfähig - letzteres war wichtig, sonst musste man sich trotz Krankheit in die Kaserne schleppen) und mein Vertreter nicht daran dachte, nach dem Wochenende am Ladegerät die Stopfen auf die Zellen zu drehen, explodierten die Batteriegase. Das ganze linke Heck platzte auf, der "Panzer" - Battle-Taxi - war ja aus Aluminium gefertigt. Das Ende von Sieben-Null-Drei. Zum Glück wurde niemand verletzt.

Ich habe ihn gerne gefahren, meinen M113. Mit 200PS zwar etwas untermotorisiert, machte es im Gelände trotzdem einen Riesenspaß. Technik pur. Schon geil, so eine Durchfahrt durch ein Wasserloch, die Bugwelle vorn höher als der Panzer. Wer Gas wegnahm, dem schwappte das Wasser in die Luken. Immer eine Mutprobe, man wusste ja nie, wie tief so ein Loch tatsächlich war. Dass der M113 in Diensten der US-Army auf dem Pressefoto des Jahres 1966 zu sehen war, in Vietnam, habe ich irgendwann später bei einer Protestveranstaltung gegen den Vietnam-Krieg festgestellt. Am Heck hatte man einen Menschen angebunden, der gerade zu Tode geschleift wurde. Da war´s dann vorbei mit den schönen Erinnerungen an Sieben-Null-Drei. Vortan war es ein anderes Bild, das sich im Gehirn breit machte beim Gedanken an den MTW.

Und er hat mich einmal sogar beinahe umgebracht, der Sieben-Null-Drei! Nachtfahrt in einem Manöver im Lipperland, Linkskurve. Um diese zu nehmen, muss die linke Kette etwas abgebremst werden. So werden Kettenfahrzeuge ja gelenkt, durch gezieltes Bremsen einer Kette. Als ich den linken Bremshebel anziehe, spüre ich keinen Widerstand. Er lässt sich bis zum Anschlag bewegen: Die Bremse ist defekt, damit lässt sich das Fahrzeug nicht mehr lenken - und auch nicht mehr bremsen! Wir rasen mit 60km/h auf den rechten Straßenrand zu, Bäume, dahinter Dunkelheit.

Klar hat der M113 ein zweites Bremssystem, Scheibenbremsen, der deutschen Straßenverkehrsordnung geschuldet. Sogar jedes Fahrrad braucht zwei unabhängige Bremssysteme. Aber was lernt der M113-Fahrer von Beginn an: Finger weg! Die Scheibenbremsen kennen nur zwei Zustände, los und fest. Sie sind bestens geeignet, um den Panzer "um eine Kette" drehen zu lassen, aber bei voller Fahrt, so alle Ausbilder, blockiert schlagartig die Kette. Das kann zum Überschlagen des Fahrzeugs führen, tödlich für die Besatzung, da Kommandant und Fahrer ja oben aus dem Panzer herausschauen. Zudem ist der M113 berüchtigt dafür, schnell in Brand zu geraten, wenn er auf dem Deckel liegt. Fluchtmöglichkeiten gibt´s dann keine, denn der Panzer wird über die Luken und eine Klappe an der Oberseite verlassen. Die große hydraulische Rampe am Heck wird sich in einem solchen Fall nicht mehr bedienen lassen und die schwere Hecktür müsste hochgedrückt werden - keine Chance!

Da der rechte Straßenrand und mit ihm ein Baum auf mich zurast, bremse ich leicht rechts, komme so knapp am Baum vorbei und der 12-Tonnen-Koloss schießt in die Böschung und einen Abhang hinunter. In die Dunkelheit. Ungebremst. Der Schalthebel ist schon vorn, trotzdem schaltet die Automatik nicht herunter, das würde uns bremsen. Also noch ein kräftiger Stoß an den Hebel, der Rückwärtsgang springt zum Glück ein und mit hässlichem metallischen Gekreisch und Geschepper kommt der M113 zum Stehen. Der Kommandant hat sich den Kopf angeschlagen, die Lippe blutet. Ich konnte ihn nicht warnen, es ging alles zu schnell. Wir steigen ab - Riesenglück gehabt. Nicht auszudenken, wenn das an einer anderen Stelle passiert wäre, etwa mitten in einem Ort oder auf einer Brücke...

Funkbereitschaft herstellen, Notruf absetzen - wir sind ja Funker. Der Oberfeld rast im Geländewagen heran, ist zuerst stinksauer. Doch als er sich selbst auf den Fahrerplatz setzt und am linken Bremshebel zieht, schaut er mich nur lange an, klopft mir dann auf die Schulter "Gut gemacht, Schulte, das hätte ins Auge gehen können". Zwei Monate brauchen die Kameraden vom InstZug, um den Schaden an Getriebe und Wandler zu beseitigen. Ich bin jeden Tag dabei, geruhsamer Dienst, lerne viel über die Technik von Kettenfahrzeugen. Zwischendurch Vernehmungen, ich habe ja immerhin Volkseigentum schwer beschädigt. Warum ich die Scheibenbremse nicht benutzt habe und in welcher Handreichung denn stehe, dass das gefährlich sei? Natürlich steht das nirgendwo, schriftlich findet man dazu nichts, denn das hätte den M113 die Straßenzulassung gekostet. Ich rege an, dass doch ganz einfach mal auf dem Truppenübungsplatz zu testen, bei moderater Geschwindigkeit. Das ist den Herren dann aber doch zu gewagt, so verläuft alles im Sande und ich werde belobigt für umsichtiges Handeln und gute Reaktion. Natürlich nur mündlich...


Auch beim Bund mit "Matte": Mögen Pferde eigentlich Pils? Ja, sie mögen, obwohl es Herforder ist!

Erste Folge der Menschwerdung: Noch während der Grundausbildung Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer, Anerkennung in der 2. Instanz und Entlassung 1971. Nach der Rückkehr ins Zivilleben erste Resultate: Eintritt in die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), heute Mitglied in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Vattern ist sauer!

1971

Festnahme an der Haltestelle "Hansastraße" wegen der Blockade einer Straßenbahn der Dortmunder Stadtwerke AG während der "Rote-Punkt-Aktion", Verurteilung wegen Nötigung - nötiges Opfer im Kampf um ein preiswertes Nahverkehrsmittel.


Nein, ich bin nicht der smarte Sonnenbrillen-Typ, wahrscheinlich von K14! Foto: Klaus Rose

1972

Eintritt in die SPD, Mitarbeit in der JUSO-AG und später in den JUSO-Hochschulgruppen, im SHB, der sich damals noch "Sozialistischer" Hochschulbund nennen durfte, später dann in den "Sozialdemokratischen" Hochschulbund umbenannt und leider auch umfunktioniert wurde. Damit es keiner merkte, blieb die Abkürzung erhalten - eine der vielen Punkte, wo sich meine Faust in der Tasche ballte ob Mutter SPD und ihrer Funktionäre!

Und in der "richtigen" Freizeit? Eisenbahn war schon immer DAS Thema - die große und die kleine. Ich habe als Kind Stunden auf dem Hauptbahnhof zugebracht. 20 Pfennig kostete die Bahnsteigkarte, damit durfte man stundenlang Loks und Züge bestaunen. Mit dem Fahrrad gings zum Dortmunder Feld, dort wendeten die Schlepptenderlokomotiven über das Gleisdreieck und mussten dann auf die Fahrt zurück zum Hauptbahnhof warten. Natürlich durften wir in den Führerstand kommen. Ich habe sie noch gesehen, die letzten Dampfrösser: 01, 03, die 38 und die 78, die fleißigen 94er im Rangierdienst, manchmal noch eine 55 und natürlich die vielen 50er und 44er, die mit den Erzzügen nach Dortmund kamen. Und gerochen habe ich sie, diesen unvergleichlichen Duft von heißem Öl und Kohlenfeuer. Mit dem Älterwerden wurde es professioneller. Mitfahrten auf Führerständen, offiziell genehmigt, denn nun war die ernsthafte Fotografiererei dazu gekommen. Die ersten Bilder entstanden auf einer alten Voigtländer 6x9 Faltenbalg-Kamera, später dann 6x6 Mittelformat, die schwere Fototasche immer auf der Schulter. Da es für eine Rollei nicht reichte, war es eine Yashicaflex, eine zweiäugige Spiegelreflexkamera. Und natürlich eine Minolta Kleinbildkamera mit umfangreicher Objektivausstattung. Der Traum einer Hasselblad blieb immer ein solcher. Trotzdem gab es gute Fotos. Zusammen mit Freund Hjalmar in der eigenen Dunkelkammer, schwarz-weiß und Farbe. Bis 50x60 reichten die Schalen. Viele Bilder haben wir verkauft, unser Spitzenprodukt war das Treibrad einer 03, ab 30x40 konnte man jedes Detail der Stahl-Struktur erkennen, tolles Foto! Anders als heute kostete jeder Druck auf den Auslöser Geld, daher dachte man vorher über Motiv, Vorder- und Hintergrund, über die Tiefenschärfe und anderes nach. Vielleicht habe ich mir darum den Blick für gute Motive bis heute erhalten.

Parallel dazu lief das Sammeln von Lokschildern. Die konnte man damals für kleines Geld ganz legal bei den Ausbesserungswerken kaufen. Als Jahre später der Platz knapp wurde, mussten sie verkauft werden. Zu dem Zeitpunkt herrschte aber schon Endzeitstimmung und es wurden Liebhaberpreise für bestimmte Baureihen gezahlt! Das rief Diebe und Geschäftemacher auf den Plan und irgenddwann gab es Kontakt mit der Staatsmacht: Die Deutsche Bundesbahn, Staat im Staat mit eigener Polizei, stand plötzlich vor der Tür, Hausdurchsuchung! Vorwurf: Verkauf von gestohlenem Material - doch ich konnte für alle Schilder den legalen Erwerb nachweisen. Ein geordnetes Ablagesystem war schon immer meine Stärke!

Und so lange ich denken kann, gab´s eine Modellbahn. Erst von Trix, die mit den drei Stromschienen, später dann 2-Leiter-Gleichstrom, erst HO, irgendwann dann Spurweite 9mm und eine große N-Anlage. Viel Später hat das vertrackte Modellbahnvirus dann noch einmal heftig zugeschlagen, kann man alles hier nachlesen: www.timmerbruch.de. Das Filmen kam dazu, mit der Nizo von Braun auf Super 8, später dann auf DV und als der erste MAC im Hause stand, ein Performa 6400 mit AVID-Cinema-Karte gab es auch die ersten Filmbearbeitungen am Computer, in grauenhafter Qualität, aber mehr war datenmäßig einfach nicht drin. Für das Rendern eines 20-Minuten-Film mit 640x480 Pixel (Mäusekino) brauchte der Rechner damals mehrere Tage. Während dieser Zeit war er nicht für andere Zwecke zu nutzen und man konnte den Vorgang weder unterbrechen noch teilen, um etwa nur nachts zu rendern. Besonders beliebt waren dann, nach zwei bis drei Tagen Dauerbetrieb, kryptische Fehlermeldungen wie "Es trat ein Fehler auf, der Vorgang musste abgebrochen werden" - man musste schon ein ganz überzeugter Cineast sein, um das zu ertragen. Aber jeder schnellere Prozessor ermöglichte bessere Ergebnisse, Adobe´s Premiere und Apple´s Final Cut brachten dann den Durchbruch und das Ende der pixeligen Videos.

1973

Studium der Lebensmittelchemie an der Fachhochschule Lippe in Lemgo - es beginnt mit einem tollen Erlebnis. Am Vorabend des Semesterbeginns völlig allein in einer unbekannten "Stadt". Ich habe mir ein preiswertes Hotelzimmer genommen und hoffe, schnell eine Bude zu finden. Am Schwarzen Brett wird zu einem "Informationsabend der Verbindungen" eingeladen. Informationen sind immer gut, also gehe ich dahin. Eine richtig tolle alte Kneipe, Riesentisch, vor Kopf sitzt ein komischer Vogel in seltsamer Verkleidung - da wird mir erst klar, dass "Verbindung" für studentische Verbindung, für Burschenschaft steht! Ach du dicker Vater, wo bin ich da hineingeraten - ich hatte in meinen kindlichen Vorstellungen immer gedacht, so etwas gäbe es allenfalls noch in Heidelberg für die amerikanischen Touristen. Nein, sie leben noch - und wie! Im Schnelldurchgang werden wir - sechs Gäste und eine Gästin - in den Sinn einer solchen Verbindung eingeführt, wir lernen den Fuxmajor und seine Aufgaben kennen, einige Alte Herren schwärmen unverblümt von ihren tollen Möglichkeiten, Farbenbrüder zu unterstützen und dann wird noch mit einem Schaubild die mögliche Karriere in einer solcher Verbindung veranschaulicht. Meine Güte! Mein Erlebnis muss ich in den nächsten Wochen noch mehrmals schildern. Zum Glück entpuppen sich einiger der Gäste als Mitglieder anderer Studentengruppen, zwei gehören dem SHB an, und mit denen geht´s dann noch in die nächste Pinte. Als ich Stunden später ins Hotelbett sinke, habe ich nicht nur zwei Adressen für ein möbliertes Zimmer, ich habe auch jede Menge Namen, jede Menge Termine und andere Informationen auf dem Zettel. Mir schwirrt der Kopf, aber das ist wohl hauptsächlich dem Bier zuzuschreiben. Der Sozialistische Hochschulbund stellt in Lemgo zusammen mit dem MSB Spartakus die Mehrheit in Studentenparlament und ASTA. Da mache ich sofort mit. Wobei das nicht einfach ist, denn die nehmen nicht jeden. Es gibt Schulungen und Seminare und so etwas wie eine Art Aufnahmeprüfung. Hauptfach: Stamokap, staatsmonopolistischer Kapitalismus. Man ist SEHR links, die Spitzen von MSB und SHB haben zusammen ein ganzes Haus gemietet, in dem man sich auch abends trifft. Ich find´s klasse!

Ein Schlüsselerlebnis bringt mir viel Anerekennung und ist vielleicht prägend, ja, wahrscheinlich ist es die Ursache allen Übels das da noch kommen sollte: Es geht mal wieder um die neue Studienordnung, dieses Thema hat mich während meiner gesamten Studienzeit begleitet, auch später in Dortmund. In Lemgo sind vor allem wir als experimentelle Abteilung betroffen. Es soll festgeschrieben werden, dass man nur nach bestandenem Laborpraktikum I die zweite Veranstaltung usw. besuchen darf - die Sperrscheine sollen eingeführt werden. Da die Laborplätze knapp sind, nicht immer alle sofort teilnehmen können und die Prüfungen wegen der geforderten Genauigkeit bei den Analysen ziemlich schwierig sind, viele beim ersten Versuch durchfallen, sind die Konsequenzen klar: Regelstudienzeit ade, das schafft man nur in Ausnahmefällen. Da zahlreiche KommilitonInnen wie ich mit bereits abgeschlossener Berufsausbildung hier studieren, also schon etwas älter sind und ihr Studium oftmals selbst finanzieren müssen, ist die Stimmung explosiv. Vollversammlung, die große Turnhalle gerammelt voll und ein Student (anderntags in der örtlichen Zeitung als "Rufer in der Wüste" bezeichnet - auch da erlebe ich erstmalig mit, wie manipulativ unsere Presse teilweise ist) stellt sich ans Mikro und fordert alle anderen auf, sich nicht so anzustellen. Das sei doch alles mit ein bisschen Einsatz locker zu schaffen. Man müsse sich natürlich schon mal anstrengen, doch man solle diese neue Regelung mit den Sperrscheinen nicht gleich verteufeln. Erst mal machen, das seien doch alles nur normale Versagens-Ängste usw. usw. Gellendes Pfeifkonzert. Ich melde mich zu Wort! ICH! Noch nie habe ich vor mehr als 10 Menschen gesprochen, und das war in meiner Heimatkirchengemeinde, wo ich als 16jähriger den ganz Kleinen vor dem eigentlichen Kindergottesdienst den Bibelspruch des Tages erklärt habe (musste, mein Vater war Presbyter und Kirchmeister!). Ich also zum Mikrofon, der Versammlungsleiter sorgt für Ruhe und ich sage nur zwei kurze Sätze: "Lieber Kommilitone, da hast Du wahrscheinlich andere Erfahrungen in den Prüfungen gemacht als die meisten hier. In welchem Semester bist Du eigentlich?" Stille, der kommt zurück ans Mikro und stammelt: "Ja, es stimmt, ich habe mich gestern erst hier eingeschrieben", die folgenden Erklärungsversuche, warum er dennoch zu solchen "Erfahrungen" gekommen ist, gehen in ohrenbetäubendem Gejohle unter. Schulterklopfen, Lob von allen Seiten und ein tolles Ergebnis für mich bei den Wahlen zum Studentenparlament. Natürlich werde ich auch in die Fachbereichskonferenz gewählt, wo es genau um diese Studienordnung geht und bin Mitorganisator der Rektoratsbesetzung, als sich abzeichnet, dass Änderungen am Entwurf der neuen Studienordnung "nicht vorgesehen" sind. Die Polizei räumt das Rektorat, für uns bleibt das folgenlos, alles wird mit lipperländer Gemütlichkeit erledigt. Natürlich beruhte mein Wortbeitrag auf einem Zufall: Ich hatten den Typen am Vortag im Sekretariat bei seiner Immatrikulation gesehen, er war mir da aufgefallen, weil er der Sekretärin sehr wortreich (und laut) erklärte, dass er geradewegs von der Bundeswehr komme - manchmal hilft eben der Zufall.

1974

Wie so oft merkt man erst nach vielen Jahren, dass Dinge passieren, die einen für das ganze spätere Leben prägen. Beispiel Mathe: das Studium ist anfangs Hardcore, vor allem in dieser Disziplin: Dreisatz, binomisch Formeln, Pythagoras - da war doch was? Ich war in der Schule nicht schlecht in Mathe, aber wie lange ist das her? Nun Gleichungen mit zwei (ZWEI!!!) Unbekannten, Kurvendiskussion, Statistik, Standardabweichung, Varianz - herje! Zum Glück weiß man in Lemgo um die Probleme der Menschen, für die Schule nur noch eine mehr oder weniger schöne Erinnerung ist. Es gibt Übungen und viele viele "Hausaufgaben" - und so kommt man wieder ´rein. Dabei war der Mathe-Dozent eine besondere Nummer: Dr. Stöckmann, ein sehr junger und sehr sympathischer Mensch. Damals waren die FH-Dozenten "per Generalamnestie" (O-Ton Stöckmann) gerade allesamt zu Professoren "gemacht" worden.

Während andere Dozenten auch auf wolkigen Tafeln schrieben, schritt Stöckmann zur Tat. Bevor Vorlesung oder Übung überhaupt begann, wurde die Tafel von ihm selbst ("Studenten können alles, nur keine Tafel putzen!" - O-Ton) nass gewischt und dann mit einer langen Flitsche abgezogen, Schwamm drunter, damit es keine Sauerei gab. Präzise Wissenschaft braucht eine saubere Tafel - das war sein Spruch. Bis zur letzten Stunde habe ich in meinem späteren Lehrerleben meine Tafeln in der Schule genau SO geputzt. Selbst geputzt. Und auch die Bedeutung eines klaren und übersichtlichen Tafelbildes ist mir hier deutlich geworden und mein Wissen um die Tafelblindheit habe ich von ihm, wie oft sagte er diese Worte, wenn jemand von uns an der Tafel schier verzweifelte: "Treten Sie doch einfach mal ein paar Schritte zurück" - und schon sah man das Problem. Der Stöckmann, bei dem ging man gerne an die Tafel, er half durch kleine Impulse, wenn´s mal nicht mehr weiterging. Blieb immer fair und hatte dazu noch eine sehr unterhaltsame Art zu lehren, richtig lustig, kleine Geschichtchen hier und da, da machte das Lernen Spaß. Wir haben viel gelacht. Klasse Mann! Dass meine letzten Klausuren ein "Sehr gut" bekamen, lag sicher auch daran. Niemand lernt eben nur für sich und das Leben, man lernt immer auch für den Pauker! Und man lernt besser, wenn man es angstfrei und mit Spaß machen kann und wenn der Pädagoge vielleicht noch ein netter Typ ist. Auch diese Erkenntnis habe ich in mein späteres Lehrerleben mitgenommen.

Aber: Wir mussten uns alle erst einen Rechenschieber kaufen, den StudioLog von ARISTO. Sauteuer, ich glaube, so um die 40 Mark, das wären inflationsbereinigt heute geschätzte 80€ - viel Geld für einen Studenten. Klar gab es auch schon Taschenrechner. Aber die waren unbezahlbar. Als ich mir zwei Jahre später meinen ersten Taschenrechner kaufen konnte, hatte der EINEN Speicherplatz und kostete 400 Deutsche Mark - inflationsbereinigt fast 800 Euro, aber ein Physikstudium ohne war damals schon nicht mehr vorstellbar. Als übrigens wiederum drei Jahre später der Akku vor die Hunde ging, habe ich den Rechner weggeschmissen - das tat weh. Doch der Ersatz-Akku hätte 60 Mark gekostet, für 30 DM gab es aber schon einen neuen Rechner, zehn Speicherplätze, Klammerrechnung, statistische Funktion - da fiel die Entscheidung leicht. Doch zurück nach Lemgo: Mit dem StudioLog drang ich wieder in die Tiefen der Mathematik ein. Und das Arbeiten mit dem Präzisionsteil hat mich für den Rest meiner beruflichen Laufbahn geprägt. Toll an einem solchen Schieber ist ja, dass man zwar mit hinreichender Genauigkeit ausrechnen kann, welche Ziffern das Ergebnis bilden, also etwa 3257. Aber: ob es nun 3,257 oder 325,7 sind - das musste man durch kurzes Überschlagen der Rechnung vorher abklären. Daher war die Überschlagsrechnung ein wichtiger Teil des Ergebnis-Findungs-Prozesses. Und Stöckmann gab sich große Mühe, uns die Angst vor´m großzügigen Kürzen zu nehmen. Selbst wenn der Bruchstrich über die ganze lange Tafel reichte, schaffte er es, mit einigen wenigen kühnen Strichen zu einem Ergebnis zu kommen, das einem schon einmal die Größenordnung verriet. Wie wichtig dieses Gefühl für die Zahlen ist, wurde mir erst später als Lehrer klar, in einer Zeit, als der Taschenrechner schon überall Einzug gehalten hatte und die Schüler alles, was da angezeigt wurde, für bare Münze nahmen. "Wieso, hat doch der Rechner ausgerechnet" war die typische Antwort, etwa wenn der 100-Meter-Läufer am Ziel eine imaginäre Kugel aus der Startpistole hätte überholen können. Wie dem auch sei, es kam der Tag, da musste sich auch Stöckmann an die Kunst des Überschlagens erinnern. Er hatte sich nämlich einen High-Tech-Taschenrechner gekauft, einfach weil das Korrigieren der Klausuren mit dem Nachrechnen bei Fehlern mit einem elektronischen Gehilfen fixer von der Hand ging und viel Zeit sparte. Als Professor wusste er natürlich genau, was er seinen Studenten schuldig war: Es war ein Rechner (Texas Instruments oder Hewlett-Packard) mit umgekehrter polnischer Notation, mehreren Klammerebenen und zehn Speicherplätzen sowie statistischen Funktionen. Kosten damals weit über tausend Demark - wir waren begeistert und Stöckmann total stolz. Manchmal ließ er einen von uns zur Kontrolle auf dem Rechner nachrechnen - oh, das Wunderteil behandelte man wie ein rohes Ei. Und dann kam der Tag der Tage: Die Tafel wieder voll, wieder langer Bruchstrich am Ende einer aufwändigen Berechnung. Stöckmann wollte uns provozieren, "mal sehen wer schneller ist" und begann wie ein Tastenclown zu tippen (heute erreicht jedes halbwegs normal simsende Grundschulkind diese Geschwindigkeit mit Leichtigkeit - damals waren wir fasziniert). Aber noch während er tippte, gab es erste Lacher, dann mehr und irgend wann schaute unser Meister der Zahlen auf, trat zwei Meter zurück, um den gesamten Bruchstrich im Blick zu haben, schüttelte den Kopf und steckte seufzend den Rechner in die Tasche: Es kam 12,5 heraus, ganz einfach zu kürzen, da musste nicht einmal der StudioLog ´ran. Ich weiß bis heute nicht, ob das eine gekonnte Inszenierung von ihm war oder ob er wirklich auf die Magie des tollen Taschenrechners hereingefallen ist. Er war immer so gut vorbereitet, daher möchte ich letzteres eigentlich gar nicht glauben. Oder doch?

Stöckmann war einer jener Menschen, die mich mein gesamtes Berufsleben lang begleitet haben. Das Kürzen war die eine Sache, die andere war seine mustergültig saubere Tafel und die klaren Tafelbilder, habe ich oben schon beschrieben, das Wissen um die Tafelblindheit und letztlich die wichtigste Erkenntnis überhaupt: Unterricht MUSS Spaß machen, muss in einer entspannten Atmosphäre stattfinden und Erfolge der Schüler sind extrem wichtig, da darf man gerne mal etwas nachhelfen, weil es danach dann oft von ganz allein läuft.

So hat Prof. Dr. rer. nat. Manfred Stöckmann sehr viel mehr für mich getan als mir den StudioLog und die Varianz beizubringen...


2008 bei seiner Verabschiedung - Prof. Dr. rer. nat. Manfred Stöckmann - rechts. Ich finde, er hat Ähnlichkeit mit Doc Brown aus "Zurück in die Zukunft" - oder?

Auf jeden Fall machten mir die Naturwissenschaften so viel Spaß, dass ich umsatteln wollte! So kam der nächste Schritt:

"Begabten-Sonderprüfung zur Zulassung zum Studium an einer Pädagogischen Hochschule", danach Studium der Fächer Physik, Chemie und Erziehungswissenschaften an der Päd. Hochschule Ruhr in Dortmund.
Während des Studiums Mitarbeit in Studentenparlamenten und Fachschaften (wieder geht es um eine neue Studienordnung), an einem Tag in der Woche Unterricht am Heinrich-Heine-Gymnasium in DO-Nette. Naturwissenschaftler sind rar und der Schornstein muss rauchen! Zusätzlich arbeite ich noch an einer obskuren Privatschule - die Inhaberin betreibt nebenbei auf gleichem Grundstück einen Kohlenhandel!
1977 Erste Staatsprüfung, 1980 vorgezogene Zweite Staatsprüfung, danach sofort Dienstantritt am Heinrich-Heine-Gymnasium als Lehrer im Angestelltenverhältnis, daher kein Leerlauf nach dem Examen und während der großen Ferien sogar Anspruch auf Arbeitslosengeld!

seit 1980

Lehrer am Heinrich-Heine-Gymnasium in DO-Nette (bis 1994) und danach am Immanuel-Kant-Gymnasium in DO-Asseln, ab 1999 Europaschule DO-Wambel, der zweiten Gesamtschule in meinem Stadtbezirk. Viele Jahre Verbindungslehrer der Schülervertretung und Vorsitzender des Lehrerrates. Zusammen mit der Schülervertretung viele gemeinsame Segeltörns um das Miteinander zu stärken, bei mir stärkt es die Seemannschaft!


Europaschule 2003, Schüler beim völlig untauglichen Versuch, ihre Kursnote aufzupolieren

Die vielen Segeltörns mit Schülern und Schülerinnen, oft als Törn der Schülervertretung über einen Brückentag, mit Freunden, häufig gemischten Gruppen haben zu vielen tollen Erlebnissen geführt. Selbst mit einem Rahsegler waren wir unterwegs, in der dänischen Südsee! Geblieben sind viele Bilder, Filme und Erinnerungen. Manches war durchaus dramatisch, etwa auf Legerwall vor Kursør, die Sturmfahrten im Watt oder als nach dem Landgang auf einer Insel ein Schlauchboot abtrieb, weil der Motor streikte. Viele Reiseberichte erzählen von diesen Fahrten.


Lieblingssegler Tijdgeest

seit 1986

Mitarbeit in der Wickeder SPD, nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl halte ich ein Referat über die Havarie in Weißrussland vor der Mitgliederversammlung und fühle mich dort sehr gut aufgehoben, fortan sieht mich der Ortsverein öfter und zwei Jahre später wählt man mich zum Beisitzer, 1990 zum stellv. Vorsitzenden und 1992 gar zum Vorsitzenden.

seit 1991

Mitglied der Bezirksvertretung Brackel. Einer der vielen ungeplanten Zufälle, die das Leben so produziert: Irgendwann muss ich wohl mal auf eine Kandidatenliste gerutscht sein, plötzlich trat dann der "Ernstfall" ein - der Mandatsträger dankte ab und ich saß da im erlauchten Kreis der Bezirksvertreter und durfte mich um Glascontainer und Straßennamen streiten. Nach knapp zwei Jahren stand ich dann wieder auf der Liste, diesmal auf Platz 1 und so wurde ich nach gewonnener Wahl 1994 am 10.11.1994 von der Bezirksvertretung zum Bezirksvorsteher gewählt.


Mit Alt-OB Günter Samtlebe vor einer Veranstaltung an der Europaschule

1999

Kommunalwahlkampf unter schlechten Bedingungen: Die Genossen in Berlin lassen keine Panne aus und "Genosse Trend" weist selbst in der "Herzkammer der Sozialdemokratie" (Herbert Wehner) die Richtung.

Dreamteam: Gemeinsam mit meiner Fraktionsvorsitzenden Eli Vossebrecher beim Foto-Shooting für die Wahlplakate - das Bild bringt die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit vieler Jahre sehr gut rüber. Da ist nichts gestellt, das Lachen echt und die gemeinsame Arbeit hat uns beiden sehr viel Spaß gemacht. Manchmal stimmt eben ganz einfach die Chemie! Und das ist bis heute so geblieben. Dann und wann schütteln wir am Telefon gemeinsam den Kopf über das, was unsere Nachfolger so anstellen...

Doch was nutzen gute Leistungen, wenn die Stimmung mies ist: Nach heißem Wahlkampf gegen einen völlig neuartigen Gegner, der ohne jede Erfahrung statt Brillen nun Politik verkaufte (und sich derselben Werberezepte wie für seine Linsen bediente), verliert die SPD in Dortmund ihre absolute Mehrheit, in Brackel allerdings steht die Koalition mit den Bündnisgrünen, daher Wiederwahl zum Bezirksvorsteher mit den Stimmen von SPD und Bündnis90/Die Grünen. Dann entzündet sich an der Diskussion um den Ausbau des Asselner Hellweges ein großer Streit bei den Grünen, Hannes Fischer tritt darauf hin bei den Grünen aus und schmiedet das Bürger-Bündnis, später tritt er der Bürgerliste bei* (die daraufhin zur 5. Kolonne der CDU mutiert und als Zünglein an der Waage die völlige Unberechenbarkeit in die Brackeler Politik einziehen lässt). So wird schon kurz nach der Wahl die Stimmung eisig und die Arbeit schwierig. Als Sitzungsleiter habe ich die Mehrheit gegen mich, Geschäftsordnung und Taktik werden wichtig, ebenso wie die gute Zusammenarbeit mit der Ratsfraktion. So können wir Beschlüsse über den Rat und die Ausschüsse zurück holen - dort macht die Rot-Grüne Koalition weiter gute Politik für Dortmund!

*Etwas später koaliert Hannes Fischer mit der F.D.P., scheidet dann aber aus der Fraktionsgemeinschaft aus - "Unvereinbarkeiten" mit dem FDP-Programm (vorher nicht gelesen?) und, man halte sich fest, im Jahr 2008 tritt er aus der Bürgerliste aus und wird Mitglied bei den Linken. Da er mal in der SPD gestartet ist, hat er nun fast alle Parteien durch! Da kann man ja den Linken nur "Alles Gute" wünschen mit diesem Wanderer durch die Parteienlandschaft!

2004

Neues Spiel und neues Glück? Kommunalwahlkampf 2004, wieder geht es um die Wurst, die Bundesregierung unter Gerhard Schröder hat die längst überfälligen Reformen auf den Weg gebracht und sich nicht nur Freunde gemacht, wieder bläst uns der Wind ins Gesicht. Schwieriger Wahlkampf, erst gegen Ende macht sich eine leichte Besserung der Stimmungslage bemerkbar, die Menschen sehen zunehmend die Notwendigkeit der Reformen ein und viele erkennen das schmutzige Spiel der Schwarzen mit den Ängsten der Bürger. Und am Wahltag endlich wieder ein akzeptables Wahlergebnis - die CDU zurück gestutzt auf ihre eigentliche Größe und in Brackel eine stabile Koalition mit den Bündnis-Grünen - und Wiederwahl zum Bezirksvorsteher - die dritte Amtsperiode als "Bezirksfürst" - mit einer komplett neuen Mannschaft.

2007

Nicht ist von Dauer - wegen ständiger Querelen mit dem Fraktionsvorsitzenden tritt eine Genossin nach der "Email-Affäre" aus der SPD aus - weg ist die Mehrheit! Die Arbeit wird wieder schwierig und der Versammlungsleitung kommt erneut eine besondere Bedeutung zu - manchmal geht es eben nur so. Die Geschäftsordnung wird wieder meine Lieblingslektüre! Immerhin können wir nach vielem Hin- und Her mit kluger Taktik eine Herzensangelegenheit regeln: Der BVB, zu dieser Zeit der "vor Klopp-Ära" nicht gerade erfolgsverwöhnt, bekommt wunschgemäß eine neue Adresse im Stadtbezirk. Auf der Hohenbuschei-Fläche liegt das neue Trainingszentrum und wir setzen gegen die CDU den BVB-Wunsch-Namen Adi-Preißler-Allee durch! Meine Idee: Alle Straßen rund um das Trainingsgelände werden nach BVB-Legenden benannt. In einem Gespräch kläre ich schon im Jahr 2006 zusammen mit Reinhard Rauball und Hans-Joachim Watzke die Modalitäten für solche Straßenbenennungen und die beiden erstellen dann eine Wunschliste mit neun Namen. Als Adresse fürs Trainingszentrum wünschen sie sich - natürlich - Adi-Preißler-Allee. Der Mann, der wie kein Zweiter bis heute den BVB prägt. Sein Zitat: "Grau is alle Theorie - entscheidend ist auf´m Platz" hängt heute im Trainingszentrum. 2003 im Alter von 82 Jahren gestorben, absolvierte er sein letztes Spiel im Borussen-Trikot am 20. September 1959 beim Derby gegen Schalke 04, das der BVB 5:0 gewann.


Adi Preißlers Tochter und seine Söhne mit dem Legendenschild

Ich habe es nie verstanden, aber die CDU wollte unbedingt einen anderen Namen gerade für diese Straße, einen anderen Namen als der Verein, der wie kein anderer seine Heimatstadt nach außen repräsentiert, der "wichtigste Exportartikel" Dortmunds, dessen Erfolge und Niederlagen Stimmung und Klima in der Stadt bestimmen wie kaum sonst ein Ereignis - es wird mir immer rätselhaft bleiben, wie man einen solchen Wunsch vom Tisch wischen kann. Jedenfalls hatte die SPD-Fraktion den Antrag gestellt, die Stichstraße Adi-Preißler-Allee zu nennen. Als sich abzeichnete, dass die CDU und die ihr zugelaufenen Hilfstruppen (im Zweifel immer gegen die SPD) krankheitsbedingt eine Mehrheit haben würden, zog die SPD den Antrag zurück und ich nahm den Punkt daher von der Tagesordnung. Hui, das gab einen Riesenaufstand, denn die Zufallsmehrheit hätte man gerne ausgenutzt. Sitzungsunterbrechung, wilde Drohungen - ich bin hart geblieben, der Punkt wurde nicht behandelt und eine Sitzung später dann wurde der Antrag erneut und mit SPD-Mehrheit beschlossen und der BVB hatte seine Wunschadresse. Unten Schnappschuss nach der Einweihung der Adi-Preißler-Allee - v.l. Hans-Joachim Watzke, BVB-Geschäftsführer und Wolfgang Paul, Vorsitzender des Ältestenrats; daneben wahrscheinlich seine Gattin, dann Friedhelm Sohn und Siggi Held, rechts neben mir Hoppy Kurrat - lebende BVB-Geschichte.

Für mich ging es in dieser Sache dann noch in die Nachspielzeit: Die CDU beschwert sich (mal wieder) beim Ältestenrat über mich und als der nicht wunschgemäß reagiert sogar beim Regierungspräsidenten. Und Diegel, CDU-Mitglied und ständig in Dauerfehde mit dem roten Dortmund und seinem erfolgreichen Oberbürgermeister steigt vom hohen Ross in Arnsberg sogar in die Niederungen der Bezirksvertretungen herab und kritisiert meine Versammlungsleitung - ich fasse das als Ehre auf! BVB-Präsident Hans-Joachim Watzke bedankt sich persönlich. Ich erzähle ihm vom Rüffel aus Arnsberg, später schreibt er in einem Brief, dass das, "was hier für die gemeinsame Sache geleistet wurde, aller Ehren wert ist." Ok, dann sehe ich mal mein tatktisches Foul unter diesem Aspekt!


Rede auf der zentralen Mai-Kundgebung des DGB in Dortmund im Jahr 2007

Ende des Jahres der Paukenschlag: Der Rat beschließt, dass die Bezirksvorsteher allesamt zu Bezirksbürgermeistern werden - welch ein Aufstieg!

2008

Großes Ereignis: Einweihung des Asselner Hellweges - wir haben es geschafft, mit Beharrlichkeit und Ausdauer. Unser OB Dr. Gerhard Langemeyer ist dabei und natürlich viele örtliche Würdenträger - hier ist es Gerd Wosny, der damals als Mitglied der SPD-Bezirksvertretungsfraktion beim Kampf um die Durchsetzung dieser Maßnahme mit an erster Stelle stand und sich wie ich von CDU und Bürgerliste anmachen lassen musste. Heute hat sich Gerd Wosny längst auf das Altenteil zurück gezogen, aber so ein Feiertag ist auch immer Anlass, alte Zeiten wieder aufleben zu lassen. Toll: Alle feiern mit, auch die CDU, vergessen die Zeiten als sie gegen den Ausbau stimmte. Selbst Hannes Fischer (siehe oben) ist gekommen. Na sowas, schon wieder umgedacht?

Aber wie das Leben so spielt - OB Langemeyer gewinnt zwar die Duelle mit Diegel - im Rathaus aber schafft eine drogensüchtige Mitarbeiterin sechstellige Geldbeträge an die Seite und die Schwarzen nutzen das schamlos aus - Gerd Langemeyer, einer der Väter vieler guter und wertvoller Entwicklungen in Dortmund gerät auch innerparteilich zwischen die Fronten.


Rede auf dem Parteitag, rechts der UB-Vorsitzende (und Skipperkollege) Franz-Josef Drabig ♱

Nach vielen Querelen kandidiert Langemeyer nicht erneut und in einer Urwahl legen sich die Mitglieder auf Ulli Sierau als Nachfolger fest, der Parteitag bestätigt diese Wahl und damit auch die Politik Langemeyers, denn "uns Ulli" ist als Stadtdirektor schon lange Teil-Vater der vielen Erfolge Dortmunds.
Mehr Einzelheiten: Hier nachlesen...


Ulli Sierau - am Rednerpult - und JUSO-Demo "Ulli wählen" im Dezember 2008 auf dem Wahlparteitag

Wahlkampf macht wieder Spaß, überall punkten wir und wenige Monate vor der Wahl zeichnet sich in allen Umfragen ein deutlicher Sieg für uns in Dortmund ab. Auch unser OB-Kandidat wird es ohne Schützenhilfe der Grünen schaffen. Die CDU reagiert verbiestert, hält sich nicht an Absprachen und plakatiert lange vor dem ausgemachten Termin überall ihren in Dortmund unbekannten Kandidaten. Mit Pohlmann hat sie einen echten Glücksgriff getan, in jeder Diskussionsrunde - und davon gibt es viele - leistet er sich schlimme Patzer. Eine besonders peinliche Panne erlebe ich selbst: Das Dortmunder Frauen Forum hat die Kandidaten eingeladen und Pohlmann will bei den Damen punkten, er kritisiert, dass es in der Verwaltung keine Amtsleiterinnen gibt. Unter lautem Gelächter stehen die beiden Amtsleiterinnen auf, die zufällig im Publikum sitzen (es gab damals deren drei). "Das hat man mir so aufgeschrieben" - seine Standard-Entschuldigung für solche Fälle - kann man so die Verwaltung einer Großstadt lenken? Auf jeden Fall gibt es ein sehr gutes Ergebnis und zusammen mit den Freunden von den GRÜNEN vereinbaren wir unsere erfolgreiche Zeit auch in schwierigen Zeiten fortzusetzen.
Mehr Einzelheiten: Hier nachlesen...


Mit Oberbürgermeister Ulli Sierau bei der Radtour "Krumme Touren mit dem Bezirksbürgermeister"

Und da die CDU dazu noch ein Personal-Problem in der konstituierenden Sitzung hat - nicht alle sind an Bord - bieten wir ihr an, eine gemeinsame Liste zu bilden. Und sie nimmt an und wir alle kommen auf diese Art und Weise zu einem einstimmigen Ergebnis und ich zu einem Blumenstrauß. Dabei ist das politische Klima in der Stadt eisig: Einen Tag nach der Wahl verhängt die Kämmerin eine Haushaltssperre, obwohl sie noch zwei Wochen vorher durch die Presse vermelden ließ, Dortmund hätte seine Finanzen trotz Wirtschaftskrise sehr gut im Griff. Danach wird sie dauerkank und wir müssen die Scherben zusammen kehren, uns mit dem Vorwurf des Wahlbetruges auseinander setzen und so ganz nebenbei auch noch einen Nachtragshaushalt auf den Weg bringen. Unser Ziel: Den Sauerländer CDU-Regierungspräsidenten aus der Stadt fern halten, denn der wetzt schon die Messer um das ungeliebte rote Dortmund zu schleifen.

Jedenfalls läuft die politische Arbeit endlich wieder an und Halloween erschrecken wir die Bewohner des verkehrsberuhigten Wohnparks mit einer Geschwindigkeitsmessung. Immer wieder beklagen sich die Anlieger des Vorzeigequartiers über die Raser, ihre eigenen Nachbarn, und wir wollen uns der Bitte um Abhilfe nicht verschließen. Die CDU will einfach nur weitere Schilder, wir tun was und klären auf mit Flugblättern und eben dieser Aktion. Steffi und Robert sind mit dabei, obwohl: Steffi ist ja eigentlich kontraproduktiv, trotz der Hörner kann sie niemanden wirklich erschrecken. Dafür reißt Robert es voll raus, und natürlich ich - eine Maske brauche ich nämlich nicht um Angst und Schrecken zu verbreiten, mir reicht schon ein schicker Hut....


Mit freundlicher Genehmigung von Oliver Schaper www.pressefoto-do.de

2010

Lesen mit Lenni......am bundesweiten Vorlesetag: Was der Bundespräsident kann macht der Bezirksbürgermeister doch schon lange! Und natürlich wird nicht einfach eine Geschichte vorgelesen - Lenni kommt mit und so wird der spannende Krimi um die schwarze Labrador-Hündin Jessie zu einem besonderen Erlebnis! Allerdings macht Lenni die Veranstaltung für mich zu einer Herausforderung und ich muss tief in die pädagogische Trickkiste greifen: Die Kinder erliegen seinem Charme völlig, die Ruhr-Nachrichten schreiben: "Lenni nutzt jede Möglichkeit die Kindermenge aufzumischen, die vielen tätschelnden und kraulenden Händepaare bringen ihn aber nicht aus der Ruhe, er scheint die Aufmerksamkeit sichtlich zu genießen" Immerhin attestieren sie mir, dass "vor allem das mitreissende Erzählen die Geschichte spannend" gemacht und die Kinder begeistert und gefesselt hat - endlich mal jemand, der meine Fähigkeiten beschreibt - aber das machen eben die vielen Jahre in der Politik, da kann man Geschichten erzählen....

Große Überraschung während der Jahreshauptversammlung des Stadtbezirks: Völlig ahnungslos am Tisch sitzend wird plötzlich eine Laudatio auf einen verdienten Genossen gehalten, er bekommt den Ehrenbrief der Partei und die Willy-Brandt-Medaille, die höchste Auszeichnung der SPD, selten verliehen, ein Ritterschlag: ICH bekomme sie verliehen! Die sechzig Delegierten applaudieren stehend, ich bin sprachlos und gerührt. Der Stadtbezirksvorsitzende Dirk Sanke in seiner Rede unter der Überschrift:
Ehrung eines Unwilligen Oder: Wie ehrt man jemanden der es eigentlich gar nicht will? - Antwort: Man tut es einfach:
Du gehörst zu jenen Zeitgenossen die sich bewusst und entschieden dem Zeitgeist entgegenstellen und nicht den Anspruch haben Everybodys Darling zu sein, sondern den Mut haben dem Publikum auch unbequeme Wahrheiten mitzuteilen. Du leistest für uns alle maßgebliche Vorarbeit im Hintergrund, damit wir anschließend mit dem Ergebnis in der Öffentlichkeit punkten können. Diese beharrliche Kärrnerarbeit ist es , die mich dazu veranlasst hat Dich heute zu ehren. Die Ehrung mit dem Ehrenbrief unserer Partei und der Willy-Brandt-Medaille, soll genau jene Genossinnen und Genossen ehren, die sich um unsere Partei verdient gemacht und das Gemeinwohl zum Maßstab ihres Handeln erhoben haben. Du verkörperst im besten Sinne sozialdemokratische Tugenden. Du fragst nicht was bringt mir das, sondern was hat unser Ort, unser Stadtbezirk und unsere Stadt davon.


Verleihung der Willy-Brandt-Medaille - die künftige Landtagsabgeordnete Nadja Lüders und Stadtbezirks-Chef Dirk Sanke

Seit dem 13.4.2010, 13.00 Uhr MESZ hat der Stadtbezirk Brackel wieder einen Kümmerer - die Regierungsvizepräsidentin Karola Geiß-Netthöfel hat mir im Beisein von Stadtdirektor Siegfrid Pogadl in Arnsberg die Ernennungsurkunde zum - festhalten - Beauftragten des Innenministeriums des Landes NRW für den Stadtbezirk Brackel überreicht! Das hat´s in unserer Republik noch nicht gegeben und Brackel schreibt Rechtsgeschichte. Bis zur Neuwahl eines Bezirksbürgermeisters habe ich nun - Zitat: "Die Rechtsstellung eines Organs der Gemeinde", handele "als Beauftragter des Staates" und treffe "Entscheidungen meiner Organstellung entsprechend autonom" - das war es, was die lästerlichen Bemerkungen über mich als "König von Brackel" immer aussagen wollten, nun ist es amtlich!
Die Bezirksvertretung wird aufgelöst, Beförderung zum Beauftragen des Innenministeriums, alles hier nachlesen...

Wiederholungswahl am 9. Mai 2010 - Sieg auf ganzer Linie: Hannelorre Kraft stürzt in Düsseldorf die schwarz-gelbe Koaltition, Ulli Sierau wird wieder Oberbürgermeister in Dortmund und wir holen in Brackel 3,7% mehr - gegen den Landestrend - und gewinnen so ein Mandat hinzu. Alles richtig gemacht! Zusammen mit den Grünen haben wir nun eine mehr als komfortable Mehrheit in der Bezirksvertretung. Große Freude, Schulterklopfen und Gratulationen den ganzen Abend bis spät in die Nacht.

Der Kampf gegen die neuen Gewerbeflächen geht weiter - Menschen vor Ort sind entsetzt über den Ratsbeschluss und die Absicht, den gesamten Bereich rund um den Flughafen in Gewerbeflächen umzuwandeln - natürlich auch um die Stadtkasse zu füllen. Unsere Aktionen sind trotz des miesen Wetters sehr gut besucht, unsere Kasse ist voll weil wir viele Spenden bekommen - die Solidarität der vielen Anwohner tut gut! Dabei ist unser Stadtbezirk federführend was die Ausweisung von Gewerbe- und Industrieflächen angeht, wir kümmern uns um die Altstandorte und helfen wo immer wir können um Arbeitsplätze zu erhalten - aber irgend wo ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Da stehen wir jetzt!

2012...

wird ein wichtiges Jahr. Zuerst kommt der Alkohol - die ständigen Ausschreitungen in Asseln machen bundesweit Schlagzeilen und darf mich von Steffie Neu, der sympathischen Stimme von wdr2 intervien lassen.

Dann geht es Schlag auf Schlag: Die Nackenschläge allerdings bekommen andere: wie erwartet erzielen meine Genossen aus der hohen Ratsfraktion vor Gericht einen Tritt in den Allerwertesten - haben sie verdient. Wer sich so sträflich gegen jede Vernunft und gegen den Willen und (berechtigten) Wunsch der Bürger stellt hat nichts besseres verdient. Der gesamte Rat und alle Bezirksvertretungen werden aufgelöst, das erste Mal in der Geschichte der BRD wiederholt eine ganze Großstadt eine Wahl - mit Ausnahme des Stadtbezirks Brakel, DAS haben wir doch alle hinter uns. Gemeinsam mit dem bereits wiederholungsgewählten Oberbürgermeister sind wir die einzigen Mandatsträger in Dortmund, ab sofort werde ich überall von meinem OB als der "einzige amtierende Bezirksbürgermeister Dortmunds" vorgestellt und begrüßt.

Für mich persönlich prägt dieses Bild das Jahr: Werner Nowack, mein Verwaltungsstellenleiter nimmt seinen Abschied. Fast 20 Jahre lang haben wir beide den Stadtbezirk gemanagt, uns wortlos mit einem Blick verstanden - egal ob die Presse oder wer auch immer nachgefragt hat, zwischen uns konnte man kein Blatt Papier schieben. "Wie ein altes Ehepaar" hat so manch investigativer Journalist gestöhnt - wenn das ein Synonym für vertrauensvolle Zusammenarbeit sein soll dann war ich gerne mit Werner verheiratet!

Natürlich kommt der OB zur Verabschiedung - hier geht nicht irgendwer, hier geht ein Urgestein der Dortmunder Verwaltung, unser Werner!

Besuch im wichtigsten Büro von Dortmund - noch wichtiger als das Büro des Oberbürgermeisters - und ich bin sicher, das sieht er selbst auch so! Hier denkt und arbeitet Jürgen Klopp - wir sind beim BVB zu Gast der sein Trainingszentrum ja in unserem Stadtbezirk errichtet hat. So sind wir nun für alle BVB-Bauwünsche zuständig und man hat solche: Einen Footbonauten will man bauen, eine neue Halle - natürlich genehmigen wir das sofort. Man hätte uns doch gesteinigt wenn wir da auch nur gezaudert hätten. Aber wir haben eine Bedingung: Als erste wollen wir die neue Wunderwaffe vorgeführt bekommen. Geht klar!

Und recht schnell sind wir wieder da: Sven Mislintat, Chefscout des BVB zeigt uns wie das Wahnsinnsteil funktioniert. Praktisch eine 360 Grad Ballmaschine. Es pfeift von irgendwo und dann kommt der Ball auch schon aus dieser Richtung. Wie er kommt - das kann man einstellen: Gerade, als Bogenlampe, mit Effet, Geschwindigkeit - alles möglich. Und gleichzeitig leuchtet ein Feld irgendwo drumherum auf - da soll er hin, da steht der Stürmer der ihn braucht - manchmal leuchten auch mehrere Felder auf, schließlich laufen alle mit nach vorn - es geht blitzschnell und kaum ist der Ball weg kommt schon der nächste. In Millisekunden entscheiden, richtig entscheiden - und dann auch noch treffen. Gezielt programmierbar für persönliche Schwächen, auch für Rekonvaleszente die etwa den Ball auf keinen Fall auf die Brust bekommen dürfen ansonsten aber schon belastbar sind - im realen Trainingsspiel viel zu gefährlich, hier alles machbar. GEILE MASCHINE, kann man sich hier in Aktion ansehen

Auch sonst tut sich viel: Wir widmen die Heinrich-Czerkus-Allee, benannt nach einem BVB-Platzwart der im Widerstand kämpfte und von den Nazis ermordet wurde. Mit mir erinnern OB Ulli Sierau und BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim "Akki" Watzke an den BVB-Mitarbeiter, der in Dortmund nun auch an exponierter Stelle durch ein Straßenschild geehrt wird. Da wir nicht ganz dumm sind haben wir dafür gesorgt, dass auch die Bushaltestelle "Heinrich-Czerkus-Allee" heißt - so taucht der Name nicht nur in Navigationsprogrammen auf, auch alle Fahrplanprogramme weltweit kennen ab nun den Namen Heinrich Czerkus. So wird man nicht vergessen - und das hätte er sicher nicht verdient!

2013...

wieder nicht ganz unwichtig: Soll ich noch einmal kandidieren? Eigentlich mache ich das ja schon lange genug, andererseits gibt es keine wirklich prickelnde Alternative für das "hohe Amt" - und Spaß macht es immer noch. Da in Wickede zudem grundsätzlich Kandidaten fehlen fällt die Entscheidung leicht und ich werfe meinen Hut noch einmal in den Ring: Und werde von Ortsverein und Stadtbezirk nominiert, der Unterbezirksparteitag bestätigt das. Und noch etwas macht der UB-Parteitag: Mein Stadtbezirk formuliert einen Antrag in Sachen Gewerbeflächen, ich stelle das Problem vor und kassiere eine satte Mehrheit - der Parteitag folgt mir und meiner Argumentation! Und das, obwohl der OB höchstselbst zur Gegenrede ans Rednerpult eilt. Schulterklopfen allenthalben. Dass ich das noch erleben darf!

Marketing - Vorbereitung zur Stadtbezirksrundfahrt - Premiere für Dietmar Kraushaar, den Nachfolger von Werner Nowack. Mein Lieblingsradler Karl-Heinz Kibowski vom ADFC ist auch mit am Start - da kann ja nichts schief gehen.

Und auch wenn´s so nett ´rüberkommt: Zum Ende der Wahlperiode türmen sich die inhaltlichen Punkte in denen wir mit der Politik unseres Oberbürgermeisters nicht einverstanden sind. Ob der Status des Flughafens, das Programmkino im Stadtbezirk oder die Gewerbeflächen - da gibt es deutliche Differenzen. Da blickt man mit Spannung auf den neuen Rat und die neuen Mehrheiten dort - schauen wir was die Zukunft bringt!

2014...

Die Kommunalwahl bringt dann den Durchbruch: 9 Sitze für uns - und wir alle freuen uns, dass die Rechten keinen Platz in unserem Stadtbezirk erringen konnten. Dass die CDU einen Sitz verliert ist uns auch nicht ganz unangenehm, aber das wird hoffentlich unsere gute gemeinsame Arbeit für den Stadtbezirk nicht ändern.

Und tatsächlich können wir uns auch da wieder verständigen - es gibt eine gemeinsame Liste und so bin ich der einzige Bezirksbürgermeister der Stadt, der mit 18 von 19 möglichen Stimmen eine solche Zustimmung erfährt. Nur eine Gegenstimme - der Vertreter der Linken kann sich so recht nicht damit abfinden, dass er mich wählen könnte, wo ich doch die chaotische Arbeit seiner Genossen im Stadtbezirk in der Vergangenheit oft angeprangert habe, den verantwortungslosen Umgang mit Arbeitsplätzen etwa wenn es um das Miteinander von Arbeit und Wohnen ging - egal, er wird auch künftig keine Rolle spielen. Was wir noch nicht wissen - wir werden die vertrauensvolle Zusammearbeit noch brauchen - doch davon später.

Lob gibt es auch von der Presse - die reisen ja durch die Stadt und erleben auch die anderen BVen - Danke für die Blumen! Verwaltungsvertreter, die zur Berichterstattung in die Sitzung kommen, haben das schon immer betont, auch die erleben ja das Klima in den anderen Bezirksvertretungen und finden´s bei uns angenehm. Nicht dass wir die schonen, wenn´s uns wichtig ist können wir auch ganz schön hartnäckig sein, aber wir bleiben immer fair. Das ist wohl nicht überall so.

2015...

Das herausragende Ereignis kommt Ende des Jahres - in Wickede soll eine Wohneinrichtung für Flüchtlinge entstehen. Weil die Zahlen dramatisch zunehmen, muss es ganz schnell gehen. Aber der Standort ist nicht einfach, nicht zuletzt ist Wickede Aktionsraum des Projektes Soziale Stadt - kann das klappen? Wichtig ist eine gute und überlegte Öffentlichkeitsarbeit. Meine Bedingung: Sobald der Standort feststeht, muss es eine breite Information der Wickeder geben. Das geht aber unter dem Zeitdruck und kurz vor Weihnachten nicht mehr mit formaler Beteiligung der Bezirksvertretung. Also muss ich das Wagnis auf mich nehmen und darauf vertrauen, dass man mir nicht in den Rücken fällt. In ganz kleinem Kreis planen wir alles und gehen dann sofort an die Öffentlichkeit - und meine BV stärkt mir den Rücken, obwohl einzig einer meiner Stellvertreter eingeweiht war.
Interview auf 91.2

Die Rechten rufen zu einer Mahnwache auf - zeitgleich zur Bürgerinformationsveranstaltung und so habe ich erstmals das Erlebnis, eine Veranstaltung unter Polizeischutz durchzuführen. Und wieder lässt man uns nicht allein...

Es gibt eine Gegendemonstration - und alle kommen: Jutta Reiter ist da, die DGB-Vorsitzende, Anja Butschkau (AWO-Dortmund), ganz links Barbara Heinz, Brackeler Urgestein in Sachen Anti-Rassismus-Arbeit, Friedrich Stiller, Dortmunds Speerspitze im Kampf gegen Rechts und Karlheinz "Charly" Wetzel, dessen Kommentar in den Tageszeitungen unser aller Meinung deutlich macht: "Angst habe ich nicht vor den Flüchtlingen - Sorgen bereiten mir die Neonazis!" Und damit die hasserfüllten Parolen der Nazis nicht allein die Luft erfüllen, dröhnen zwischendurch die Glocken der ehrwürdigen Johanneskirche ihre Mahnung in den Abendhimmel: Wickede gehört uns, nicht den braunen Schreihälsen.

Bereits ein paar Tage zuvor hatte ich Vereinsvertreter, Kirchenmenschen, die Schulleiterinnen, die KITA-Betreiber - alle Menschen eingeladen, die in Wickede durch ihre Arbeit Verantwortung übernehmen. Da war die Resonanz groß, alle wollen helfen, die Ideen sprudeln nur so. Ich bin gespannt, wie das klappen wird.

Eine andere Baustelle ist zum Jahresende der BVB, er steht - FESTHALTEN - auf dem letzten Platz der Tabelle. Ganz Dortmund leidet mit, alle bemühen sich, der Mannschaft zu zeigen, dass man zu ihr steht. In der CL sind sie absolute Spitze, aber in der Bundesliga vergeigen sie ein Spiel nach dem nächsten. Die Zeitungen sind voll von dramatischen Appellen und Treueschwüren, Klopp wird vom Retter zum zu Rettenden - "Du hast uns nach oben gebracht, jetzt tragen wir Dich" und andere Sprüche auf T-Shirts und Autos - wie immer nicht zu verstehen. Eine Stadt zittert, bloß weil ihr Verein nicht mehr gewinnen kann. Und heute Abend schon wieder, zum wiederholten Male ein Spiel "bei dem es nun endlich klappen muss", zum wiederholten Male Endzeitstimmung. Dabei geht es gegen Hoffenheim, ein unangenehmer Gegner...

Dazu passt das Richtfest am Morgen, die Baufirma Schmeing hat - in weiser Voraussicht - bei ihren blau-gelben Firmenfarben ein sehr dunkles Blau gewählt und beim Richtkranz das Blau sogar in Richtung schwarz "geschoben" - wenn das kein gutes Omen ist. Am Abend wissen wir es: Der BVB kann noch gewinnen, sie trotzen Hoffenheim ein 1:0 ab, gewinnen und spielen nicht einmal schlecht. Ein nicht gegebenes Abseitstor hätte den Spielverlauf noch besser wiedergegeben - hätte es der Schiedsrichter gegeben. Hätte, hat er aber nicht. Egal, sie gewinnen, und die Stadt taumelt als habe man mindestens den DFB-Pokal geholt, mindestens.

Wichtiges Ereignis zwischendurch: ich bekomme plötzlich eine Urkunde überreicht, von meinen beiden Stellvertretern - Ulf Katler, links, damals noch CDU (vier Jahre später trat er aus der Partei aus) und Uli Begemnann, Grüne, der kurze Zeit später auf eigenen Wunsch aus der Bezirksvertretung ausscheidet. War mir gar nicht bewusst, aber klar 20 Jahre Bezirksvorsteher, Bezirksbürgermeister und Landesbauftragter - eine richtige "Karriere", für die ich hier beglückwünscht werden. Ein Bürger will übrigens später sogar dagegen klagen, dass hier offizielles Briefpapier der Stadt "missbraucht" wurde und verursacht einen riesigen Schriftwechsel - es gibt wirklich jede Menge verpeilte Menschen....

2016...

Vor Ort steigt das Interesse der Helfer - die vorbereitenden Sitzungen, hier mit Ex-Superintendent Paul-Gerhard Stamm und Einrichtungsleiterin Kerstin Edler, werden gut besucht und viele scharren schon ungeduldig mit den Hufen - man will helfen, aber alles scheitert im Augenblick an der unzulänglichen Bauausführung. Die Anlage steht, aber es gibt telefonbuchdicke Mängellisten.

Auch die Kinder der benachbarten Grundschulen warten auf ihre neuen MitschülerInnen. Jedenfalls haben sie schon große Willkommens-Bilder gemalt.

Darum dürfen sie auch als erste die Container besichtigen. Danach kommen die unmittelbaren Anwohner, auch die Politik schaut sich die Anlage an. Mit mehreren Wochen Verspätung geht das Flüchtlingsdorf Morgenstraße im Mai 2015 endlich in Betrieb. Es gibt noch zahlreiche Nacharbeiten - alle lernen noch, wenn es um den schnellen Aufbau solcher Wohneinrichtungen geht. Mit einer Brandmail an die Stadtspitze kann ich erreichen, dass unsere Tiefbauer das Außengelände vernünftig gestalten, immerhin sollen hier Menschen wohnen und sich wohlfühlen. Am Ende klappt alles und die Anlage macht einen richtig guten Eindruck, die Bewohner fühlen sich wohl und die Ängste der Anwohner haben sich in Wohlgefallen aufgelöst. Es gibt lockere Gespräche am Gartenzaun, Spenden - alles gut!

Auch die enge Zusammenarbeit mit der Polizei bewährt sich. Die Beamten sind oft vor Ort, trinken einen Kaffee im Dorfcafé und vielen Bewohnern wird so schnell klar, dass die Polizei in Deutschland mit dem, was sie vielleicht aus ihren Heimatländern unter diesem Begriff kennen, nicht viel gemein hat. Wachleiter Ernst Hansen (rechts) sitzt bei allen wichtigen Entscheidungen mit am Tisch. Auch Polizeipräsident Gregor Lange (2.v.links) lässt sich von uns die Anlage im Rahmen einer Stadtbezirksbereisung zeigen.

Ansonsten: Viele Gespräche, hier mit Sozialdezernentin Birgit Zoerner und AWO-Geschäftsführer Andreas Gora auf dem Friedensplatz bei der Aktion "Wir alle sind Dortmund".

Ein Problem allerdings gibt es noch: Nicht allen Menschen gefällt mein Engagement für das Flüchtlingsdorf, die üblichen Anfeindungen und Beschimpfungen sind die Folge. Eigentlich kein Grund zur Aufregung, alles wie immer. In einem Fall allerdings gingen die Texte auf facebook weit über die normale Politikerschelte hinaus. Da ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Ich bin in diesem Verfahren nur Zeuge. Diesen Sätzen kann der Kundige unschwer entnehmen, was Sache ist. Für alle, die wie ich der Juristerei eher hilf- und machmal sogar verständnislos gegenüber stehen, eine kurze Erklärung: Da "von Amts wegen" ermittelt wird, handelt es sich zum ein "Offizialdelikt". Damit ist klar, dass die getätigte Äußerung deutlich über "Der Czierpka ist doof" hinausging. Ich bin einige Tage untergetaucht, bis Hausdurchsuchung, Beschlagnahmungen und diverse Gefährdungsansprachen durch waren und musste mich an einige Änderungen im Tagesablauf gewöhnen, auch daran, dass manchmal der Polizeiwagen vor unserer Türe steht. Ende der Durchsage!

Trotzdem lasse ich mir den Spaß an der politischen Arbeit nicht verderben, DAS wäre ja noch schöner, wenn es solchen Typen gelingen würde, ins Leben anderer derart einzugreifen. Da helfen die vielen Zeichen der Solidarität und da hilft auch die Gewissheit, dass alles getan wird, um mich zu schützen. Und ehrlich: Wenn ich alle Ferienwohnungen und Gästezimmer ausprobieren will, die mir (inkl. Rotwein als Schlummertrunk) angeboten wurden, kann ich Bootsurlaub für das nächste Jahr vergessen - Danke in meinen Freundes- und Bekanntenkreis! Zusammen mit vielen anderen bemühen wir uns darum, dass sich die Flüchtlinge bei uns wohl fühlen, so gut, wie es irgendwie geht. Es gibt Deutschkurse, Begleitungen zu Ämtern und viele andere Aktivitäten. 170 Menschen sind allein in Wickede untergebracht. Trotz aller Einschränkungen, trotz der schrecklichen Erlebnisse, die einige unterwegs gehabt haben: Die Stimmung in den Unterkünften ist gut. Die Menschen versorgen sich selbst, wir helfen nur da, wo es nötig ist und sie haben durch gemeinnützige Arbeit für kleines Geld eine klare Tagesstruktur. Regelmäßige Veranstaltungen sorgen für den Zusammenhalt, unten die Jahresendfeier 2015.

Auf jeden Fall kommt 2015 eine zweite Übergangseinrichtung im Stadtbezirk dazu, beide Flüchtlingsdörfer werden von der AWO betrieben. Mit den Mitarbeitern gibt es eine enge und vertauensvolle Zusammenarbeit. Mittlerweile gehören die Flüchtlinge zu Dortmund! Überall in der Stadt entstehen Notunterkünfte, der Wohnungsleerstand ist auf einem Rekordtief angelangt und Dortmund wird für seine Willkommens-Kultur berühmt. Die Bilder vom Hauptbahnhof, mit applaudierenden Menschen, als nach dem "Wir schaffen das"-Wochenende tausende die Stadt erreichen, gehen um die Welt.


Dortmund Hauptbahnhof, Foto: Alex Völkel für die nordstadtblogger

Die Hilfsbereitschaft ist enorm, die Aufgeregtheiten der ersten Stunde sind längst verflogen. Beim Jahresrückblick in den Ruhr-Nachrichten kann ich mich über die gute Bilanz des Stadtbezirks freuen. Dabei macht Andreas Schröter das Foto unten mit dem U im Hintergrund. Zur positiven Lage in der Stadt will der pessimistische Blick auf die Weltpolitik nicht passen: Immer noch kein Friede in der Ukraine, in Polen hebelt eine rechtskonservative Regierung systematisch die Bürger- und Pressrechte aus, die Türkei nutzt den Krieg in Syrien und die Nato-Unterstützung brutal aus, um gegen die Kurden vorzugehen und es ist völlig unklar, wer die Informationen bekommt, die unsere Bundeswehrpiloten mit den wenigen noch flugfähigen Tornado-Jets gewinnen und wer sie gegen wen nutzen kann. Eine seltsame Allianz aus teilweise zerstrittenen "Partnern" bombt nach Herzenslust herum, Kollateralschäden werden locker in Kauf genommen. Zu allem Überfluss ermordet Saudi-Arabien dann auch noch einen schiitischen Geistlichen per Todesurteil, Abbbruch dipolomatischer Beziehungen, Unterbrechung des Flugverkehrs, der Nahe Osten wird immer explosiver und jeder gießt noch ein bisschen mehr Öl ins Feuer, ist ja genügend da: Viele Probleme haben ihre Ursache ja ganz einfach da, in Überproduktion und Preisverfall beim Öl. Was für eine Welt! Trotzdem darf man die Hoffnung nicht verlieren, schauen wir, was uns 2016 bringt...

Zwei neue Bebauungspläne werden für Wickede im Augenblick aufgestellt - und egal, ob es gefällt oder nicht: Es macht wenig Sinn, in Wickede noch mehr preiswerten Wohnraum zu schaffen! Davon haben wir genug, davon haben wir zuviel. In allen Untersuchungen der letzten Jahre haben sämtliche Faktoren klar gezeigt, dass Wickede ein Ortsteil mit großen sozialen Problemen ist. Es fehlt die gute Mischung in der Bevölkerung, weil durch den Siedlungsbau nach dem Krieg viele Wohneinheiten in großen Siedlungen geschaffen wurden. Und was früher einmal gesuchter Wohnraum von gut verdienenden Angestellten und Arbeitern war (Neue Heimat), wird heute von sehr vielen Menschen bewohnt, die mal gerade so über die Runden kommen. Davon können die Kaufleute, die Vereine, die Schulen in Wickede ein Lied singen. Als einziger Ort im Stadtbezirk ist Wickede im Programm "Soziale Stadt", und das mit gleich zwei Aktionsräumen. Grund genug also, die beiden attraktiven Bauflächen zu nutzen, um Menschen in den Ort zu locken, die etwas mehr Geld verdienen. Das täte der Infrastruktur wirklich gut. Natürlich steht man mit dieser Meinung in der Partei zunächst einmal sehr isoliert da, doch nach kurzer Diskussion zeigt sich, dass das Problem verstanden wird und man sich nun Gedanken macht. Zumal wir anbieten, die geforderte Quote an öffentlich gefördertem Wohnraum an anderen Stellen im eigenen Stadtbezirk wieder auszugleichen.

Das war mir eine Herzensangelegenheit: Barabra Heinz ist seit vielen Jahren aktiv im Stadtbezirk. Wann immer es um Erinnerungs- und Frauenarbeit geht, ist sie zur Stelle. Sie organisiert Veranstaltungen, ist immer ansprechbar und hat sich ein großes Netzwerk erarbeitet. Und damit unser aller Dank verdient. Hier bekommt sie ihn - und vor allem den Applaus der vielen Menschen, die sie mit ihrer Arbeit erreicht. Natürlich ist ihr das alles sehr peinlich und ihre Reaktion "Ihr spinnt doch alle" war vorhersehbar - aber so ist sie eben, unsere Barbara! Darum durfte sie vorher auch nichts davon wissen, sonst wäre sie gar nicht erst gekommen. Alles lief sehr konspirativ, alle wollten, dass wir ihr einmal ganz offiziell danken konnten. Hat geklappt!

Und innerparteilich geht´s auch aufwärts - die "Jungen Wilden" kommen, denn es gibt ihn wirklich, den Nachwuchs. Daniel (links) ist Stadtbezirksvorsitzender und Mitglied der Bezirksvertretung und Fabian (recht) als sachkundiger Bürger im Rat der Stadt. Und Anna? Die ist überall, da fehlt hier einfach der Platz, um das alles aufzulisten. Alle drei zusammen führen unseren Stadtbezirk. Und sind für mich wichtige Gesprächspartner, denn alles was wir jetzt machen, wird diese Generation viel mehr betreffen als meine. Nachwuchsprobleme? Wenn man sie ernst nimmt und sie einbindet und sie machen lässt kann man auch ruhig in die Zukunft schauen. Die werden das Kind schon schaukeln!

Da bin ich doch dabei - wenn Gutmensch ein "Schimpfwort" für diejenigen wird, die dann helfen, wenn´s notwendig ist, dann bin ich doch gerne ein Gutmensch! Schöne Aktion der AWO!

Ende des Jahres - eine der vielen Veranstaltungen in unseren Flüchtlingsdörfern und wahrscheinlich die letzte Jahresendfeier! 2017 werden beide Flüchtlingsdörfer geschlossen! Es kommen kaum noch Flüchtlinge nach Dortmund und wir schaffen es, etwa 40 Menschen pro Woche eine eigene Wohnung zuweisen zu können. Da besteht kein Bedarf mehr an den großen Übergangseinrichtungen. Die Traglufthallen werden eingemottet, die Schiffe im Hafen abgezogen - jetzt beginnt die wirklich schwierige Phase der Integration, denn nun - ohne das Team der Einrichtungen im Rücken - muss die Integrationsarbeit dezentral in den Familien geleistet werden. Das ist viel schwieriger und ohne das ungebrochene Engagement der vielen Ehrenamtler nicht zu leisten.


Ralf Ristau mit Weihnachtsansprache - recht Kerstin Edler, Dorf-Chefin

Aber auch dafür sind wir gerüstet - mit Rebecca Dettling (mit Blumen links) und Ella Mönch (dito rechts) sind zwei hauptamtliche Kräfte für Flüchtlinge und Ehrenamt in Brackel zuständig. Das hatten wir von Beginn an gefordert, und wie immer hat es etwas gedauert, bis die Verwaltung sich an die neue Situation angepasst hat. Das ist leider in einer Großstadt so. Wie ein Tanker - schwerfällig - aber wenn der neue Kurs erst einmal anliegt ist, dann gibt es kein Halten mehr!


Links mein Amtsbruder aus Aplerbeck, Mitte Sozialdezernentin Birgit Zoerner

Und das sind wir - hinter den Kulissen und meist ziemlich unbemerkt von der Öffentlichkeit, haben wir in den letzten beiden Jahren viel erreicht. Zusammen mit Paul-Gerhard Stamm, Ex-Superintendent der ev. Kirche, habe ich seit Ende 2014 unermüdlich den Finger in die diversen Wunden gelegt, auf Missstände aufmerksam gemacht und immer wieder Verbesserungen eingefordert. Erst begegnete man uns mit Unverständnis - mittlerweile sind unsere zentralen Forderungen erfüllt. Seit einem Jahr in größerem Kreis nun die Aufgabe, die nächste Stufe der Flüchtlingsarbeit zu bewältigen.


Netzwerk Flüchtlingsarbeit

2017...

Es passiert, was absehbar war: unsere beiden Flüchtlingsunterkünfte sind Vergangenheit. Letzte Fete mit allen Mitarbeitern - da sind tatsächlich einige Tränchen geflossen. Man muss das mal ganz deutlich sagen: Ohne das Engagement auch der Hauptamtlichen hätten wir das im Stadtbezirk nicht so gut hinbekommen. Mit den beiden Leitern, Kerstin und Ralf...

....gibt´s einen sehr feuchten Abend im Preußenhafen an Bord der Tremoina - mehr über dieses Ereignis ist bei Rund Dortmund nachzulesen. Das hat uns einfach zusammengeschweißt. Nun werden sie in alle Winde verstreut, die vielen helfenden Hände.

Eröffnung eines überarbeiteten Kinderspielplatzes - solche Dinge gehören auch zu meinen Aufgaben. Hier ist es ein Piratenplatz, passt doch gut zu mir! Einmal Skipper immer Skipper. Und Kinder? Seit einem Jahr bin ich Großvater (Oppa, wie man im Revier sagt) und daher hat das Jahr noch einen weiteren Höhepunkt...

...denn den ersten Urlaub ohne Mama und Pappa gibt´s in Wilhelmshaven - und anscheinend werden hier erste Grundlagen gelegt. Am großen Rad drehen, am Funkgerät und den vielen anderen summenden, piependen und leuchtenden Geräten und Schaltern stellen, ein Typhon betätigen - DAS macht auch einem gut einjährigen Matrosen Spaß! Eine schöne Woche am Jadebusen!

Neuer B-Plan, neuerÄrger: In den Börten - eine aufgelassene Wendeschleife. Hier sollen öffentlich geförderte Einfamilienhäuser gebaut werden. Und eine KITA. Das gefällt den Anwohnern nicht, dabei braucht der überalterte Ort genau diese drei Dinge: Bezahlbaren Wohnraum, junge Familien und KITA-Plätze. Drei Fliegen auf einen Streich! Sehr aufgeheizte Atmosphäre bei der Informationsveranstaltung, die ich leite. Lauthals wird Neutralität von mir gefordert, aber da bin ich eben nicht neutral, dafür aber konsequent, wenn´s um die Rednerliste geht und kompromisslos, wenn sich Einzelne als Zwischenrufer qualifizieren wollen. Nicht mit mir, liebe Leute, dafür war ich 36 Jahre lang als Lehrer unterwegs, Diskussionen leiten war schon immer meine Stärke! Später wir mir Arroganz vorgworfen - wenn das Arroganz ist, wenn man klar und deutlich sagt, WER die Sitzung leitet und WER das Wort erteilt und auch entziehen kann um sicherzustellen, dass auch alle zu Wort kommen, dann bin ich gerne arrogant!

Gegen Ende des Jahres eskaliert es, die Diskussion um die Gewerbeflächen nimmt an Fahrt auf. Die Ratsfraktion schert sich einen feuchten Kehricht um den Beschluss der eigenen Partei und es kristallisiert sich heraus, dass alle geplanten Gewerbeflächen weiter verfolgt werden sollen. Das wird spannend werden. Man kann doch nicht einen ganzen Ortsteil mit Gewerbegebieten umgeben, die blauen Flächen sind schon da, die roten sollen dazu kommen. Mit dem Flughafen - im Bild unten - haben wir sowieso schon eine ganz besondere Fläche in unserem Portfolio, wie es die Wirtschaftsförderer neudeutsch gerne ausdrücken.

2018...

....sitze ich dann zwischen den beiden "mächtigsten" Männern der Stadt: Links OB Ulli Sierau und rechts der Herr des Geldes, Stadtdirektor Jörg Stüdemann, Dortmunds Kämmerer. Zwei Stunden haben wir in der Bezirksvertretung mit dem Verwaltungsvorstand diskutiert, es gab viel Lob für die Entwicklung des Stadtbezirkes, bei den alten Problemen (Neue Gewerbeflächen, Quote für öffentlich geförderten Wohnraum) aber gab es keine Annäherung. Immerhin wird es in Sachen Tempo 30 auf dem Hellweg jetzt einen Ortstermin in Wickede geben.

Ja, und nicht immer war mein OB mit dem einverstanden, was da so in Brackel gedacht und gesagt und beschlossen wurde. Sein Ausspruch von der "Bezirksregierung Brackel" - Freudscher Versprecher? - ist uns noch allen gegenwärtig. In der Tat, im Stadtbezirk Brackel ticken die Uhren manchmal anders als am Friedensplatz.

Überraschend war die Information, dass das - gegen die Planungsverwaltung durchgesetzte - Kino auf Hohenbuschei "gestorben sei" - der Investor dementierte anderntags über die Presse vehement. Das bleibt ja dann spannend. Eine andere Bebauung hat andere Folgen: Am Niederstefeldweg planen wir öffentlich geförderten Wohnungsbau - die Anwohner wollen das nicht, befürchten ein Ghetto, wieder eine stimmungsvolle Informationsveranstaltung. Kurz darauf bekomme ich mehrere Briefe mit Beschimpfungen, in einem wird beklagt, dass es die RAF nicht mehr gäbe, die hätte sich früher um Politiker wie mich "gekümmert". Man stelle sich das vor: Wegen einer Bauplanung, die letztlich vom Rat der Stadt beschlossen wird, schreibt jemand derartige Zeilen!

Bei den Neuwahlen in meinem Stadtbezirk wird das Trio der drei Vorsitzenden - Daniel, Fabian, Anna - mit Riesenergebnis wiedergewählt - alles JUSOS! Die "Jungen Wilden" haben bei uns längst das Ruder übernommen. Und mit Blick auf die Kommunalwahl 2020 bereiten wir uns jetzt darauf vor, auch die Riege der Mandatsträger zu verjüngen. Sagt Daniel, mein Stadtbezirksvorsitzender, lachend in meine Richtung "Ich habe in meinem ganzen Leben nur einen Bezirksbürgermeister erlebt: Kalli". Stimmt! Als ich in die Bezirksvertretung kam, war Daniel gerade in die Grundschule gekommen und Fabian war soeben geboren worden. Nun übernehmen sie zunehmend Verantwortung. Und sie machen das gut, da braucht sich die Partei vor Ort keine Sorgen machen. Und ich kann ziemlich sicher sein, dass der Staffelstab in gute Hände kommt. Schönes Gefühl. Wollte ich nur mal sagen.

Ohne Worte weil es für sich selbst spricht: facebook-Profil-Foto - genutzt hat es nichts. In der Folge rutschen die Ergebnisse der Partei von Wahl zu Wahl tiefer - absehbar.

Privates Erlebnis im frühen Frühjahr, das mich betroffen macht: Bastogne - kleiner Ort am Kreuzungspunkt wichtiger Straßen. 1944 hatte man hier die nach der Operation Market Garden stark dezimierten Einheiten der Alliierten zum Kräftesammeln stationiert. Niemand rechnete damit, dass ein Wahnsinniger einen Wahnsinnsplan in die Tat umsetzten würde. Der Gefreite wollte seine Idee realisieren, mit motorisierten Einheiten durch die Ardennen vorzustoßen, um den Hafen von Antwerpen zurückzuerobern. Das Bastogne War Museum macht die Situation mehr als bedrückend deutlich. Heute draußen -10 Grad, im Winter 44/45 waren es hier minus 28°. Und ein kleine Denkmal abseits der großen Straßen ist Pflichtprogramm für mich als "Band-of-brothers-Fan". Hier im Wald hatte sich die Easy Company, 2nd Battalion, 506th Parachute Infantry Regiment eingegraben. Auch sie mussten hier ran: "Gehen sie da nicht hin! Sie werden eingeschlossen!" - "Wir sind Fallschirmjäger; wir MÜSSEN eingeschlossen werden!" Ohne Verpflegung, ohne medizinische Versorgung trotzten sie bei arktischer Kälte den Angriffen der Wehrmacht und hielten die Stellung, bis sie durch Pattons 3. US-Armee befreit wurden.

Und? Hat die Menschheit etwas, irgendetwas aus dem Wahnsinn dieses Krieges gelernt? Klare Antwort: NEIN. Überall knirscht es, überall lodern die kleinen Flämmchen, die sich schnell zum Großbrand entwickeln können. Menschen wie Putin, Trump oder das dicke Kind in Nordkorea - Wahnsinnige - sie alle spielen munter mit dem Feuer, gießen hier und da mal etwas Öl nach, ignorieren die schrecklichen Erfahrungen der Menschen in der Vergangenheit.

2019...

...haben wir die Bienenweiden in den Mittelpunkt gestellt. 2018 als Testobjekt u.a. in meinem eigenen Garten gestartet, gehen wir nun mit diesen Erfahrungen an die Öffentlichkeit. Beim Aktionstag "Brackel brummt" - werden wir förmlich überlaufen! Zusammen mit dem Imkerverein Dortmund-Kurl haben wir kiloweise Saatgut verteilt, informiert und diskutiert. Zwei Stunden lang haben wir zu dritt Saatgut abgewogen und beraten, erst gegen Mittag gab´s eine erste Verschnaufpause. Am Ende des Jahres sind wir bei über 25.000qm - ein toller Erfolg! Fotos vom Aktionstag: www.czierpka.de/bienen/

Das war für mich persönlich ein Höhepunkt: Die ersten Gratulationen trafen schon am Freitag ein: Käpt´n Kalle hat es ins Jahrbuch der DGzRS geschafft. Zitat: "Ritterschlag"! Aber ich korrigiere: Es geht da nicht um mich sondern um die Sammelaktion, und da bin ich nur der Sammler, die Spenden kommen von meinen Zuhörern und den Innen. Dass die dann gleich am Abend mit 330€ für die DGzRS einen neuen Rekord aufstellten, macht die Sache natürlich besonders schön! Danke an alle, die immer so fleißig mitspenden! Auf diese Weise konnten die Geschichten von Bord seit 2013 für fast 7.800€ in die Bremer Kasse sorgen!

Ein Höhepunkt: Enthüllung des Legendenschildes am Aki-Schmidt-Platz - Reinhard Rauball dankt dem "lieben Karl-Heinz" in Anwesenheit des OB und der BVB-Legenden Siggi Held und Wolfgang Paul noch einmal für die Idee der Namensgebung der Straßen rund um das BVB-Gelände auf Hohenbuschei.

Die Süddeutsche? Genau, meine Lieblings-Urlaubszeitung...

"Der Kalli, das ist ein Steher," lobt Sierau, "der geht für seine Leute keinem Konflikt aus dem Weg - auch nicht mit mir." So der Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau in der Süddeutschen Zeitung über mich. Das macht mich dann doch ein bisschen stolz. Christian Wernicke, Journalist bei der Süddeutschen, begleitet mich zwei Wochen lang und es gibt eine ganze Seite, und dann auch noch die legendäre Seite Drei in der Süddeutschen über meine Arbeit als Kümmerer im Stadtbezirk - "Wen kümmert´s" - der Beitrag lässt sich komplett lesen, wenn man das Online-Angebot für 14 Tage kostenlos testet.

Und die Ruhr Nachrichten kaufen den Beitrag - eine ganze Doppelseite im Inneren und auf der Titelseite der Teaser mit Uraltbild. Interessant dabei die Genese der Überschrift. In der Süddeutschen "Wen kümmert´s" - ein Bericht über die Arbeit am unteren Ende der kommunalpolitischen Nahrungskette. Die Bedrohungssituation aus 2015 ist nur einer von vielen Punkten. Die RN setzen den Bericht zunächst ins Netz - die reißerische Überschrift dort: "Bezirksbürgermeister tauchte nach Todesdrohungen unter" - ich bekam mehrere Mails und besorgte Anrufe, ob ich denn schon wieder bedroht würde. Nach Intervention meinerseits gab´s dann eine neue Überschrift "Dortmunder Bezirksbürgermeister hat den Staatsschutz auf Kurzwahl". Kommentar von Christian Wernicke: "Die machen auf Bildzeitung - aber das das muss man können". Am Telefon macht mir dann der Redakteur vom Dienst ein unschlagbares Angebot, dass den Geist dieser Zeitung wunderbar wiederspiegelt: "Machen Sie doch mal selbst einen Vorschlag für eine andere Überschrift und wir schauen, wie sich das auf die Klicks auswirkt" - Klasse oder? Wie sagte mein Schwiegervater immer zur "schwarzen Paula": liegt morgens auf der Treppe und lügt. Selbst einen Artikel, den sie nicht selbst schreiben mussten, verhunzen sie noch. Und das schlimmste daran: in Dortmund gibt es zwar drei Tageszeitungen, aber sowohl die Rundschau als auch die Westfälische Allgemeine kaufen den Lokalteil von den Ruhr-Nachrichten. Armes Dortmund, armes Deutschland. In der siebstgrößten Stadt der Republik recherchiert nur eine einzige Redaktion - und das ist die eines Blattes mit kleinbürgerlichem Profil, streng katholisch ausgerichtet und in vielen Punkten erzkonservativ. Es gibt einige wenige krititische Köpfe in der Redaktion, aber sonst? Wer hier Pressearbeit macht - und das tue ich seit mehr als 30 Jahren - der merkt an vielen Stellen, dass Lambert Lensing und seine Meinung immer mit am Tisch sitzt, auch wenn es um banale Dinge geht. Die Leserbriefe sind unsäglich, da wird nicht querrecherchiert, da wird jeder Unfug, jede Vermutung abgedruckt. Ich bin ziemlich froh, dass ich damit bald nichts mehr zu tun habe. Ärgern wird mich das weiterhin.


Titelseite - immerhin...

2020...

Das Jahr beginnt fast harmlos - okay, man hört von einer Virus-Welle in China, aber das ist weit weg. Wir planen den Wahlkampf, planen die Verkehrswende. Zwei Interviews erscheinen, eines mit Wolfgang Richter vom Heissen Eisen - der Zeitschrift der DKP Dortmunds (die gibt´s noch). Den ganzen Text HIER lesen...

...und ein anderes mit unserer Roten Rundschau - Interview mit Sandra Spitzner. Auch hier kann der Text nachgelesen werden...

Doch dann schlägt das Virus auch bei uns zu - meine Geschichten von Bord im Schiffshebewerk Henrichenburg ist eine der letzten Kulturveranstaltungen in NRW, tags drauf wird alles verboten. Wir können unsere nächste Sitzung noch wie geplant durchführen, wenige Tage später kommt auch das Aus für Gremiensitzungen. Die Juni-Sitzung findet dann mit verminderter Personenzahl statt. Aber ohne mich, denn ich gehe kein Risiko ein!


Sitzung mit verminderter Personenzahl im ev. Gemeindehaus

Immerhin habe ich gerade meinen 70. Geburtstag gefeiert, bis also Teil der vulnerablen Bevölkerung. Und auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen: Schon zu diesem Zeitpunkt steht fest, dass die Aerosole Hauptüberträger des Virus sind und ich habe schon im Studium beim Thema Begasungen von Lebensmitteln in der Physikalischen Chemie gelernt, dass Aerosole in einem geschlossenen Raum nach wenigen Minuten in der letzte Ecke nachweisbar sind. Daher machen die praktischen Plexiglasscheiben in Geschäften oder als Masken-Ersatz keinen Sinn. Aber die Politik hat das noch nicht mitbekommen, wundert sich im Spätsommer über die dramatisch ansteigenden Zahlen bei Feiern in geschlossenen Räumen. Für mich schon von Beginn an ein No-Go! Daher plane ich die letzte Sitzung als Open-Air Sitzung, für Dortmund ein Novum! Das Wetter spielt mit - sonst hätten wir in den überdachten Bereich des Regenhofes ausweichen können, auch der gut durchlüftet. Davon später mehr.


Letzte Sitzung, Open-Air, da bin ich dann auch dabei

Den 70. Geburtstag gibt´s nur im kleinsten Kreis. Ich bekomme jede Menge Bilder, u.a. eine Karte vom großen Meer und dem großen Kanal, damit ich mich nicht verfahre. Die hängt jetzt im Boot, mit den erklärenden Begriffe von Mama. Damit ich mich nicht verfahre.


Gutes Kartenmaterial an Bord war mir immer wichtig!

Mitte des Jahres dürfen die Enkel wieder in die KITA, ich gehe in Quarantäne aufs Boot, bleibe aber in der Nähe. Der ursprünglich geplante Sommertörn in die Boddengewässer lässt sich ohnehin nicht verwirklichen. Polen verbietet die Durchreise, und wie das dann auf der Rückreise aussehen wird - niemand kann es vorhersagen. Also Rhein-Herne-Kanal statt Peenestrom, Oberhausen statt Stralsund und Vitte - geht auch. Versüsst wird diese Ersatzlösung durch den WDR - der plant einen Film über den alten Lippe-Seiten-Kanal und Regisseur Achim Scheunert Achim Scheunert ist der Regisseur, hatte meine Seiten im Internet gefunden und per Telefon versucht, mich zum Mitmachen zu überreden. Groß anstrengen musste er sich dabei nicht, denn "überreden" ist das falsche Wort! So etwas reizt mich natürlich immer. Einmal weil ich das Revier sehr gut kenne und weil es eben mal wieder etwas Neues ist, etwas, das man nicht jeden Tag macht und erlebt und das daher für mich einen extrem hohen Spaßfaktor garantiert! Und dann noch auf dem Wasser und mit dem Boot - das passt doch! Achim, damals noch der Herr Scheunert, kam schon am Telefon sehr sympathisch ´rüber, da stimmte mal wieder die Chemie.
Mehr über die Dreharbeiten an Bord unter Corona-Bedingungen HIER!


Wir hatten viel Spaß - troz großer Hitze und Maskenpflicht an Bord

Am 28.8. hatte ER dann seine Premiere, zur besten Sendezeit im WDR: "Von Hamm Richtung Rotterdam - Zwei Kanäle, eine Reise"- und von den sieben Stunden Dreharbeiten haben es tatsächlich fast sechs Minuten in den Film geschafft! Natürlich kann man ihn auch weiterhin ansehen Der Film in der wdr-Mediathek

Letztes Treffen im Planungsamt - einer der ganz wenigen Termine, den ich überhaupt wahrnehme. Gespräch mit dem Dezernenten und dem Amtsleiter, das letzte Mal als Bezirksbürgermeister. Ein Ritt durch den Stadtbezirk, wo passiert was, wo muss etwas passieren, wo darf nichts passieren. Mit Maske, in einem großen Raum mit hohen Fenstern. Und wohl das letzte Mal diesen fantastischen Blick auf meine Heimatstatdt von ganz oben.

Die letzte Sitzung der Wahlperiode der Bezirksvertretung Brackel - und damit meine letzte Sitzung als Bezirksbürgermeister! 29 Jahre ehrenamtlich in der Kommunalpolitik, davon 26 Jahre vorn am Tisch als Bezirksbürgermeister, als "König von Brackel" - wie die CDU heute mit Augenzwinkern, früher oft auch wütend bemerkte. 251 Sitzungen liegen hinter mir, es hätten 255 sein können, aber viermal grätschte mir die Gesundheit dazwischen. Wir machen es Open-Air - sinnvoller und viel schöner als mit Maske in Innenräumen, und auch der OB, der zur Verabschiedung plötzlich auf der Matte steht, findet´s gut.

Wohltuende Worte von Oberbürgermeister Ullrich Sierau, Geschenke. In Corona-Zeiten irgendwie seltsam - alles auf Abstand, keine Umarmungen, kein Händedruck, kein Schulterklopfen. Trotzdem schön. Nun beginnt sie - die (fast) terminlose Zeit.

Abends dann erstmal alles sacken lassen und die "Beute" des Tages betrachten - die Amtszeit läuft noch etwa zwei Monate, also so ganz zu Ende ist es noch nicht. Trotzdem: ab jetzt nur noch mit halber Kraft, keine Entscheidungen mehr nur noch Alltags- und Organisationskram.

Und die Presse macht mich zum König - enttäuschen, bei der CDU war ich wenigstens Sonnenkönig...
Zeitungsberichte nachlesen? HIER!



Das oft gehörte "Oppa hat ´nen Termin" wird nun deutlich seltener werden. Schön! Für andere Dinge gibt´s mehr Zeit!

Soweit bis heute....

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