Sommertörn 2005 - Niederlande Nord-West

Etappe 2: Über die Randmeere von Kampen nach Almere

Bericht von Karl-Heinz Czierpka

Höhe Elburg -wir passieren die Elburgerbrug und verlassen damit das Drontermeer und laufen ins Veluwemeer ein. Bei 5,60 Meter Durchfahrtshöhe brauchen wir nicht auf die Öffnung zu warten und laufen durch das rechte Joch.

Auch der Wind passt nicht zu einer aufziehenden Front - die Segler haben schon so ihre Probleme mit dem Vorankommen an diesem Morgen und die Dobber aus Harderwijk geht rechts an ihnen vorbei - sie sind nämlich mittlerweile auf der linken Seite des Fahrwassers angekommen bei dem Versuch, das kleine bisschen Wind auszunutzen.

Mehrere Inseln wie De Kwak, De Ral (mit Hafen) und De Snip lockern die sonst eintönige Ansicht auf, andere Inseln, z.B. Pierland, sind mit Hafen und Campingplatz ideal für Fahrer kleiner offener Boote. Auf Pierland findet man Anlegemöglichkeiten in jeder Himmelsrichtung und kann sich so auch bei starkem Wind die richtige Seite für eine ruhige Nacht aussuchen.


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Abends wird es auf Pierland richtig romantisch - vor allem wenn Mutti im nahen Wald noch etwas trockenes Holz gefunden hat und die Jungs ein Feuer machen können.

Und wenn dann noch die Sonne mitspielt und ein farbenprächtiges Schauspiel bietet, dann sitzen alle mit Bllick nach Westen auf oder an ihren Booten. Und bei uns geht die Diskussion los, ob das nicht einfach nur kitschig aussieht. Kann Natur kitschig sein? Keine Ahnung, ich find´s schön. Übrigens: Die Sonnenunter- und -aufgangsfotos hat jeweils Ute ausgesucht. Denn natürlich habe ich nicht nur eins davon gemacht, es gibt so ungefähr einhundert von dieser Sorte.

Ach so, das muss ich noch erzählen: Hier, auf Pierland geschieht mir das Missgeschick dieser Reise (ich klopfe jetzt mal schnell dreimal auf Holz, denn als ich diese Worte schreibe, ist die Reise noch lange nicht zu Ende): Zurück, ich reinige den Seewasserfilter, spüle auf der Badeplattform den Einsatz gut durch, anschließend noch einmal mit ganz sauberem Wasser im Waschraum, ich habe ja Zeit und was man macht soll man schließlich ordentlich machen, sonst kann man es lassen. Also, alles sauber, nur im Deckel noch drei oder vier Bestandteile von irgend etwas, das mal gelebt hat. Dafür gehe ich nicht noch einmal in den Waschraum, kurz schleudere ich diese festen Bestandteile ehemals lebender Organismen über Bord - geht gut, sehr gut sogar, alles aber auch alles geht raus, auch der Dichtungsring, der im Deckel sitzt!!! Dieser dicke Gummiring, ihr wisst schon, der den Filtertopf luftdicht abschließen muss, damit die Pumpe auch brav das viel schwerere Wasser fördert und nicht versucht, den Motor mit Luft zu kühlen. Fassungslos aber nicht fähig, mich zu rühren sehe ich den Ring nach unten im Wasser entschwinden, etwa 10cm tief kann ich ihn verfolgen, dann ist er nicht mehr zu sehen. Mir ist schlagartig klar, dass das zunächst das Ende unserer Reise bedeutet und wir nur mit viel Aufwand und Geld das nötige Ersatzteil hierher bekommen können, ein Pfennigartikel, aber man muss ihn eben haben.

Der Versuch, den Motor kurz ohne die Dichtung laufen zu lassen liefert das befürchtete Ergebnis: Die Pumpe saugt kein Wasser an. Ute bietet ihre Dienste als Taucherin an, irgendwann in ihrer Schulzeit konnte sie mal tauchen! Bei diesem trüben Wasser aber kaum mit Aussicht auf Erfolg. Ich schalte mal das Echolot ein: 0,7m unter Kiel, macht also 1,60 aus. Jetzt gilt es, Badehose an und rein ins Wasser. Glücklicherweise kein siffiges Hafenbecken aber leider auch kein so richtig sauberes Wasser hier, schließlich liegen in der kleinen Bucht jede Menge Schiffe. Tatsächlich, ich kann neben dem Schiff stehen, aber nur, wenn ich ganz ausatme, sonst kriege ich die Beine nicht richtig auf den Boden. Wasser Unterkante Unterlippe. Jetzt mal mit den Füßen tasten: Igitt, was da so alles rumliegt, meine Angst vor Glasscherben muss ich überwinden und vorsichtig gehe ich den Bodern ab, Fuß vor Fuß. Ute, die liebe, spricht mir von oben Mut zu und versichert mir immer wieder, das sie es auch durch tauchen versuchen könnte! Plötzlich habe ich das Gefühl, ihn zu tasten, ja, ich habe ihn, stecke meinen Fuß durch, hebe das Bein - ER IST DRAN - das Unmögliche ist passiert! Wie weiland Flipper Ringe auf der Nase beförderte so habe ich den Dichtungsring um meinen Fuß. Also Fuß über Wasser und mit der Hand den Ring - ja, wer das schon mal im Wasser versucht hat weiß, dass das für ungeübte Normalschwimmer ziemlich schwierig ist, was soll ich sagen - der Ring verschwindet ein zweites Mal in den Fluten des Veluwemeeres. ICH KÖNNTE HEULEN!!! So nahe dran am Erfolg.

Ute, über mir im (trockenen) Cockpit versichert mit, dass es, wenn es einmal geklappt hat auch ein zweites Mal klappen wird, ich müsse jetzt nur näher am Boot suchen. Prima, also nochmal. Um präziser suchen zu können, stecke ich mit der rechten Hand den Bootshaken in den Sand, links halte ich mich an einem Fender fest, und nun los, Fuß vor Fuß und wieder zurück, es ist zum Heulen, wo ist diese Scheiß-Dichtung, diese blöde Ring, den ich ja schon einmal hatte - DA, TREFFER - wieder habe ich das Gefühl, das Teil fühlen zu können. Bein hoch, ich habe ihn, rund und schwarz und schön hängt er um meinen Fuß, elegant wie ein Fußkettchen nur viel viel schöner und viel viel wertvoller, zweimal mehr als Glück, das gibt es gar nicht! Diesmal, gewitzt durch den ersten Reinfall, gelingt es mir auch durch eine geschickte Drehung meines durchtrainierten Körpers des Teiles habhaft zu werden. Ute nimmt ihn an - und ich kletterte nie glücklicher die Badeleiter hoch. Heiße Dusche, Ring säubern, einbauen, Motor anlassen und dicker Wasserstrahl aus dem Auspuff - er läuft und wird gekühlt - mit Wasser!

Leider hat Ute völlig vergessen, mal ein Foto zu machen - die Chance kommt nie wieder! Aber so etwa muss es ausgesehen haben, so wie auf diesem nachgestellten Foto mit einem ähnlichen Ring um einen ähnlichen Fuß* in ähnlicher Umgebung**.


Achtung: Nachgestelltes Foto!!

*Ute legt Wert auf die Feststellung, dass es sich um einen dem Original sehr unähnlichen Fuß handelt!

**Ich lege Wert auf die Feststellung, dass es sich hier um eine gänzlich andere Umgebung handelt, ihr könnt weder die Kerzen sehen noch die Sektgläser und auch die Musik nicht hören - das war auf Pierland irgendwie erheblich anders!!

Kleiner Nachtrag zum Thema Solidarität unter Männern und Frauen: Nächster Tag, nächste Insel, nächstes Ablegemanöver, der Motor läuft, alle Leinen bis auf eine sind gelöst, ich schaue in Ruhe noch einmal in die Runde vor dem Ablegen, da tönt es aus dem Cockpit: Können wir oder willst du erst noch einmal eine Runde ums Boot gehen?

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