Letzter Morgen in Berlin, Moabit, plötzlich Motorengeheul, Martinshorn - und dann fahren sie über die Lessingbrücke, die Trucks für die Loveparade. Im Schritttempo, mit langer Auto-Schlange hinter sich - was werden die Berliner froh sein, wenn dieses Event vorüber ist, denn dann wird auch der 17. Juni wieder geöffnet (also die Straße desselben). Aber da muss die Stadt nun erst einmal durch.

Und das heißt erst einmal wieder: Fans ertragen, diesmal eine andere Sorte. Die Techno-Freaks campieren überall, der Landwehrkanal mutiert zur Zelt-Meile, sie kommen aus ganz Europa, endlich wieder Love-Parade. Die 1989 erstmals als poltische Demonstration (Was oder gegen was oder für was sollte da genau demonstriert werden?) stattfindende Mega-Tanz-Event zog zuletzt eineinhalb Millionen Besucher an - und weil es als politische Veranstaltung durchging, gingen die Kosten für Müllbeseitigung und Ordnungskräfte-Einsatz zu Lasten des Steuerzahlers. Ein Unding, darum muss der Veranstalter seit 2001 auch diese Kosten aufbringen - zwei Jahre Ausfall waren die Folge. Nun mit neuem Sponsor ein neues Glück, dafür ohne den Erfinder Dr. Motte.

Notfalls geht´s auch ohne Zelt - aber die Szene hat sich gewandelt. Die Berliner Hotels sind für dieses Wochenende sehr gut ausgelastet, viele der Dauertänzer sind in die Jahre gekommen und verachten auch den Komfort eines guten Hotels nicht. Techno ist halt auch nicht mehr das, was es mal war - früher ging der Raver mit Stahlhelm und Gasmaske garniert, einen alten Siemens-Staubsauger auf den Rücken geschnallt und anständig Speed intus in die Clubs - das war noch richtig Hard-Core. Heute wird mit EC-Karte bezahlt und im hoteleigenen Wellnes-Bereich bringt man sich morgens wieder auf die Beine nach durchhexter Nacht. Immerhin - 1,2 Millionen drängten sich 2006 um die Trucks!

Ich bin mit dem Boot auf dem Landwehrkanal bis zur Straße des 17. Juni gefahren - leider konnte man nichts sehen von den sich rhythmisch bewegenden Damen und Herren in exzentrischem Outfit oder fast ohne Outfit oder wie auch immer. Aber man konnte es hören, es war absolut nicht zu überhören! Bereits eine Brücke vorher wurde das Geräusch des VETUS-Diesels übertönt. Auf Höhe des Bereitschaftsbootes der DLRG begann irgend etwas im Boot gefährlich zu vibrieren, ich weiß nicht was aber es dröhnte und röhrte dass ich dachte, gleich fliegt mir das Hardtop um die Ohren. Seit diesem Tag definiere ich "laut" anders, selbst in der Nacht, in Charlottenburg, Kilometer vom Großen Stern entfernt, war die Musik deutlich zu hören. Naja, HNO-Ärzte wollen schließlich auch leben und die Hörgeräte-Industrie ist ein echter Wachstumsmarkt, ich werde meinen Anlageberater anweisen, hier Aktien zu kaufen - zukunftsträchtiger Wirtschaftszweig!

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