Reisebericht von Karl-Heinz Czierpka
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Berlin Havel Fußball-Weltmeisterschaft Wannsee Marina Am Großer Wannsee 4 Spree-Oder-Wasserstraße Charlottenburg Friedrichstraße Brandenburger Tor Tiergarten Germania Hauptstadtstudio Regierungsviertel Berliner Dom Palast der Republik Erichs Lampenladen Fischerinsel Holocaust-Mahnmal Potsdamer Platz Landwehrkanal Bendler-Block
Die folgenden Seiten sind Teil des Reiseberichtes unseres Sommetörns 2006, er führte uns aus dem Ruhrgebiet über DEK und MLK sowie die Havel nach Berlin, wo wir zur Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft kreuz und quer durch die Stadt gefahren sind. Die anderen Etappen unserer Reise sind über die Auswahlseite zu erreichen.
Berlin auf dem Wasser ist ein Erlebnis der besonderen Art, zum dritten Mal befahren wir die Hauptstadt mit dem Boot. Weitere Informationen finden sich auf
meiner interaktiven Berlin-Revierkarte
Als Kartenmaterial standen uns die Sportschifffahrtskarten Binnen der
Verlagsgesellschaft Nautische Veröffentlichung zur Verfügung. Mit knapp 30 Euro pro Band nicht gerade ein billiges Vergnügen - aber es ist tatsächlich ein Vergnügen, mit diesen Karten zu arbeiten. Hat man sich erst einmal an das ungewöhnliche aber ungemein praktische Format gewöhnt, will man die stabilen Wegweiser nicht mehr missen.
Berlin erreichen wir über den Wannsee - an einem Sonntag - schönes Wetter, leichter Wind - ein ideales Segelrevier, und das nutzen die Berliner natürlich aus. Ich hoffe, sie wissen es wirklich zu schätzen, was sie da für ein Paradies vor ihrer Haustür haben. Mensch
Pusteblume da hätten wir schön einen Tag zusammen segeln können, aber ich habe es echt verbaselt. Übrigens: Mitten durch dieses Gewimmel führt die Untere Havel Wasserstraße - gar nicht einfach, sich da durch zu mogeln....
Unzählige Clubs haben ihre Steganlagen am See, hier kann man für eine Übernachtung mit einem 9-Meter-Boot schon mal locker mehr als 30 Euro loswerden. Ich habe für 22 Euro am großen Wannsee pausiert, Marina
Am Großer Wannsee 4, incl. Strom, Wasser extra, W-Lan (5 Euro extra) - eine schöne Anlage. Alles da - Waschmaschine, Grillplatz, Wasser zum Abspritzen der Boote, Lift, TV, Duschen usw. Und sehr freundliche Betreuung, der Hafenmeister regelt das Festmachen und hilft dabei und als ich Probleme mit dem W-Lan habe, sind wenige Minuten später zwei junge Leute da, die mich blitzschnell ins Netz bringen. Das Umfeld: Einkaufen usw: Alles in direkter Nähe!
Das kleinste Fancamp Berlins - hier, an der Spree-Oder-Wasserstraße, Kilometer 2, in wenig lauschiger Atmosphäre, haben diese Fußballfans ihre Lücke gefunden. Ringsherum Industrie und Hafen und trotzdem ein zuhause während der WM!
Und was weht da noch für eine Flagge? Unverkennbar, hier haben sich doch tatsächlich BVB-Fans niedergelassen!
Flaggen gibt es überall - am Zelt genauso wie in der 6. Etage - Berlin, schon traditionell sehr flaggenliebend, hat noch einmal zugelegt. In reinen Wohnvierteln allerdings (fanden wir beide) gab es in Dortmund mehr Fahnen.
Die Fans strömen - aber das hatten wir uns alles ganz anders vorgestellt, viel voller. In Charlottenburg leere Kneipen, unterwegs in die Innenstadt rechts und links des Wasserweges viele Menschen - aber das war bisher an schönen Tagen hier immer so. Halbfinale in Stuttgart - Berlins Fan-Meile ist vergrößert worden, um Platz zu schaffen.
Wir finden an der Friedrichstraße einen Liegplatz. Der Fernsehturm als Fussball, hätte man sich bei der Renovierung des Bode-Museums - beim letzten Besuch noch mit schamhaft verhüllter Kuppel - doch auch was ausdenken können.
Nachts die Fahrgastschiffe während des Spiels, überall wird an Bord Fußball auf Leinwänden geschaut, nur wenige fahren bewusst als "fußballfreie Zone" - Ute geht zum Brandenburger Tor und kommt ernüchtert wieder - in Dortmund sei die Stimmung einfach besser
. Nachts dann Hupkonzert, Autokonvois, Fangesänge und ab eins endlich Ruhe auf dem Wasser. Morgen ist der Endspurt!
Und dieser Morgen beginnt für viele Fans auf hartem Untergrund doch meist mit weich gebettetem Kopf.
Während die einen noch schlafen schaffen andere bereits den Stoff für die nächste Fete herbei - noch einen Tag, dann ist der Ausnahmezustand WM zu Ende.
Etagenbett aus hartem Material - diese drei waren auf jeden Fall nachts nicht einsam, sie haben sich in der Nähe der Heinmann-Brücke auf die schönen Steintreppen gekuschelt - kalt war es ihnen sicher nicht, denn die Temperatur fiel nachts nicht unter 22 Grad. Mit dem Wetter hat die WM und haben die Fans unendlich viel Schwein gehabt, Kaiserwetter und T-Shirt-Zeit.
Andere sind schon hellwach und planen ihren Tag - beim Vorbeifahren wird Flagge gezeigt.
Wir sind zwar nicht Fußball-Weltmeister geworden, doch Weltmeister der Herzen ist auch ein schöner Titel - also begrüßen wir die unsere Klinsmannschaft - um 12.00 Uhr soll sie am Brandenburger Tor empfangen werden.
Die Goldelse wacht über den Tiergarten der heute einmal mehr eine Riesenparty aushalten muss.1939 wurde die Figur auf den Großen Stern umgesetzt, des Führers Baumeister Albert Speer brauchte sie als Fluchtpunkt, denn alle großen Straßen im geplanten Germania sollten auf diesen Platz zulaufen. Mit einem satten Kilogramm Blattgold ist sie vor ein paar Jahren wieder auf Vordermann gebracht worden, sie wurde privatisiert und es ist immer noch lohnend, die Dame (sorry) zu besteigen! Heute also schaut sie ein letztes Mal auf die WM-Party-Meile!
Völkerwanderung vor dem Hauptstadtstudio der ARD - alle wollen dabei sein und unsere Helden begrüßen. Ballack und Co und natürlich den unvergleichlichen Klinsi, der vielleicht noch ein wenig Zuspruch benötigt, damit er seinen Job weiter macht.
Das Regierungsviertel mutiert zum Fan-Camp - finde ich toll. Polizei zwar überall aber erfrischend zurückhaltend und unauffällig. Auch auf dem Wasser zeigt der Staat Präsenz: Mehrere WSA-Boote liegen an den wichtigen Punkten, darauf nicht nur die bekannten Weißhemden, auch andere Gestalten in dunkel und oliv tummeln sich an Bord und beäugen die
Tremonia auf ihrer Fahrt in die Stadt.
enn natürlich macht auch die Tremonia wieder an der Friedrichstraße fest, schließlich will Ute dabei sein wenn die Jungs zurück kommen. 800.000 Fans stehen auf der Partymeile und sie schafft es mal wieder, an allen Sperren vorbei in den VIP-Bereich zu kommen, hautnah mit Klinsi und Co. - das Handy hält es fest:
Stolz präsentiert sie ihre Trophäe: Ein Mouseover lüftet das Geheimnis, Christoph Metzelder vom BVB hat da auf ihren Arm gekritzelt. Na, das war es doch wert!
Ich hatte derweil die ehrenvolle Aufgabe die
Tremonia in dem Höllenpfuhl vor der Weidenhammer-Brücke zu bewachen - der Anleger Friedrichstraße ist nicht das Pflaster, wo ich ein Boot mit voller Urlaubsbeladung länger als nötig allein lassen würde.
Die Fahrgastschiffe haben Hochsaison, WM-Gäste in der Stadt, Super-Wetter, Sonntag - da kommt ein Schiff nach dem anderen vorbei. Da sich die teilweise schon beachtlich großen Sight-Seeing-Boote unter der Brücke nicht begegnen können, ist der Anleger schon ein interessantes Plätzchen.
Und Kanal 10 ein äußerst unterhaltsames Programm - die Schiffsführer gehen sehr nett und persönlich miteinander um, hatte ich mir so nicht vorgestellt. Alles, was man über Funkdisziplin gelernt hat, kann man hier zunächst einmal vollständig vergessen. Witzig sind die Zwischentöne, die Scherze, die man miteinander treibt, viele Meldungen zeigen, dass man sich persönlich kennt und füreinander mitdenkt. "Athen bei Weidenhammer zu Tal, jemand zu Berg" - flüsternd die Antwort: "Gleich siehst du mich" und schon schiebt sich der riesige Bug der
Belvedere unter die Brücke. "Bisste allein?" "Nee, die kleene Anna kommt ooch noch" "Und zuletzt die Franzi, wie imma" hängt ein dritter an. Und man spricht besser über die "Sporties" als angenommen - da Sonntag ist, nutzen viele Sportbootfahrer den Tag, um die Baustellen-Strecke, alltags nur mit Funk durchfahrbar, zu passieren. Man liebt uns nicht, kennt aber unsere Macken ziemlich genau und versucht halt, Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen. Und akzeptiert Entgegenkommen unsererseits nicht als selbstverständlich. Als ich einmal auf die linke Seite wechsle, um einem Entgegenkommer die Passage durch ein Brückenjoch zu erleichtern, wird mir durch einen ausdrücklich netten Gruß gedankt. Aber es gibt sicher solche und solche - auf beiden Seiten.
Jeder weiß, was jetzt kommt: Diese Stippvisite muss einfach sein, das kann ich mir nicht verkneifen. Der Berliner Dom, wunderbar anzuschauen, verdeckt ja nur die ganz große Baustelle, die im Augenblick die gesamte Spree-Passage so schwierig macht. Und diese Baustelle wollen wir uns am Nachmittag ansehen!
Ausgehöhlt, entkernt, von Asbest befreit - der Palast der Republik ist nur noch ein Gerippe. Das ehemalige Aushängeschild des Arbeiter- und Bauernstaates muss weichen - das heißt: Eigentlich weicht es ja nur einer Wiese! Aber mangels Folgenutzung und in Anbetracht des katastrophalen Zustandes muss das Ding weg, Ob hier wirklich mal ein Nachbau des Stadtschlosses entsteht - ich wage es zu bezweifeln. Aber vielleicht erlebe ich es ja noch! Immerhin haben an dieser Stelle bis 1918 die Hohenzollern residiert, 1950 wurde das Schloss gesprengt und im August 1973 haben mehr als 600 Tiefbauarbeiter und 200 NVA-Soldaten mit dem Ausheben der Baugrube begonnen, drei Jahre danach wurde das Gebäude eröffnet. 10 Jahre später hatte dann der Sonderzug nach Pankow hat Berlin erreicht, Udo Lindenberg trat im Palast auf, den die Berliner wegen der "modernen" Innenbeleuchtung respektlos "Erichs Lampenladen" nannten.
Unvergessen die letzte Klassenfahrt vor der Wiedervereinigung mit Besuch der "Hauptstadt der DDR". Hier konnte man gepflegt mit der gesamten Klasse speisen, das Drei-Gang-Menü für irgendwas um 4,52 Mark, die Glub-Gola für 23 Pfennig dazu. Man musste nur erst Platz bekommen, denn obwohl von den -zig Tischen nur wenige besetzt waren, wurde sofort abgewunken - "Alles reserviert" - im Angesicht eines konvertierbaren 10-Mark-Scheines (West) änderte sich die Situation allerdings schlagartig und man durfte Platz nehmen. Spätestens hier wurde den Schülern klar, dass die düstere Prognose des Klassenlehrers ("Die 25-DM-Eintrittsgeld - Behördenjargon: Zwangsumtausch - könnt ihr abschreiben, die wird man nicht los") nicht aus der Luft gegriffen war, da konnte man sich den Bauch noch so vollschlagen mit Club-Cola, Breuler, DDR-Schokolade und kaufen was der Markt gerade bot - am Abend, beim "Auschecken" am Bahnhof Friedrichstraße, blieb immer noch ein erkleckliches Sümmchen in der Tasche, das Geld war einfach nicht auszugeben. Ich denke noch an Marc, der unter dem Motto "Denen schenke ich nicht einen Pfennig" verzweifelt nach Kaufbarem suchte und in seiner Not dann um die dreißig Liter Orangensaft erstand. Er musste alle seine Freunde und Innen aktivieren, um das Zeugs irgendwie in die Jugendherberge zu transportieren. Nach nur einem Tag war niemand mehr gegen Geld oder gute Worte bereit, auch nur einen winzigen Schluck von diesem "Orangen"saft zu verköstigen - zu sehr schmeckte man den VEB Leuna durch - schweren Herzens musste Marc dann nahezu alles verklappen. ..
Alltags regelt eine Ampel den Zugang zur Engstelle. Nur mit Funk an Bord darf hier von Montag bis Freitag gefahren werden. Überall im dichten Stahlgerippe des Palastes sind Arbeiter unterwegs...
Sie erinnern ein bisschen an Spinnen wenn sie sich dort bewegen in einem schier undurchdringlichen Geflecht aus Stahlträgern. Das Treppen- und Fahrstuhlhaus - wer nie in diesem Kasten zu Gast war, kann die Größe des Gebäudes kaum ermessen. Es war schon gewaltig, eben ein echter Palast.
Nachmittags dann die Vorbereitungen auf das Endspiel, die Fans ziehen in Scharen in Richtung Fan-Meile. Auch in Berlin hat man die Zahl der Besucher deutlich unterschätzt, spontan werden Straßen gesperrt, die Fan-Zone ausgeweitet. Die Fan-Meile auf jeden Fall ein Riesenerfolg, auch wenn sie durch den Freitod eines Mitarbeiters am nächsten Tag überschattet wird. Die Idee, die Stehkurve neu zu schaffen wird von allen als großartige Idee gefeiert. Und wer hat´s gemacht? Ein Westfale, ausgewiesener BVB-Fan, ein Mann der von vornherein alle berlin-typischen Schickimicki-Vorschläge verworfen hat. Keine Cocktails, kein fauler Zauber, Musik und Kultur allenfalls am Rande. Hier geht es um Fußball, also Bier und freier Blick auf eine Leinwand, egal von wo - Michael Donnermeyer, der zuletzt 1998 Gerhard Schröders Wahlkmpf organisierte, hat hier ein weiteres Meisterstück abgeliefert. Als Dortmunder sage ich: Das war die Südkurve in Berlin, nur ein bisschen länger....
Die Franzosen sind deutlich in der Mehrheit - dass sie am Abend den Titel verpassen und dazu den unwürdigen Abgang eine großen Fußballers erleben müssen - all das belastet sie jetzt noch nicht. Rund ums Regierungsviertel ist die Sau los oder besser der Bär. Dass die Italiener so wenig in Erscheinung treten ist seltsam, 13.000 Tifosi leben in Berlin, Charlottenburg ist eine der Hochburgen, hier wohnen die meisten. Seit 1965 gibt es hier die Pizzeria Roma. In der Nacht nach dem Sieg machen sie sich dann auf dem Kurfürstendamm lautstark bemerkbar. Es gibt sie doch! Doch die Squadra Azzurra kann den Triumph kaum feiern, wenige Tage später müssen Juve, Lazio und Florenz wegen übler Manipulationen absteigen, Del Piero kickt demnächst in der 2. Liga, Stars wie Luca Toni werden sich einen neuen Verein suchen müssen - so nahe liegen Freud´ und Leid nebeneinander - Fußball im richtigen Leben eben....
Dröhnen in der Luft - kommt Franz Beckenbauer oder nur die Kanzlerin? Egal, irgend ein VIP wird hier eingeflogen, gleich fünf große Hubschrauber schweben heran.
Andere versuchen ihr Glück auf der Straße - mit entsprechend viel Begleitung machen da auch die Staus keinen Stress...
The day after - Müllprobleme an der Gustav-Heinemann-Brücke - insgesamt haben die fleißigen Berlinder Müllmänner und -frauen 6.800 Tonmnen Müll entsorgt, 1.000 Tonnen mehr als normaler Weise um diese Zeit.
Und so mancher Fan hat es noch gar nicht gemerkt: AUS, DAS SPIEL IST AUS - das war die WM und heute, am Tag nach dem Endspiel, wollen 120.000 Fans allein mit dem Flugzeug den Heimweg antreten, Ausnahmezustand an Berlins Flughäfen. Noch einmal muss die Stadt zeigen, was sie kann! Auch die Bahn setzt Extrazüge ein, rund sieben Millionen WM-Gäste haben in den letzten Wochen allein die S-Bahn genutzt! Alle bedanken sich, danke liebe Bahnreisenden, danke liebe Gäste, dass ihr bei uns wart, danke Klinsi, nicht für den Job (dafür hast du genug Kohle bekommen) - dafür dass du durchgehalten hast trotz aller Kritik (ich hätte denen auch die Brocken vor die Füße geworfen), dankbare Umarmung der Kanzlerin, als sie Klinsmann die Medaille umhängt - und jemand vergessen? Danke an die Mannschaft? Wofür? Die Jungs haben eine gute WM gespielt, letztlich bekommen sie dafür jede Menge Bares und werden bejubelt wie sonst nur Popstars. Mal ehrlich, mir hat noch nie jemand zugejubelt wenn ich mein Bestes gegeben habe und einem Haufen pubertärer und hochinteressierter 16jähriger das Ohmsche Gesetz nahe gebracht oder selbiges wenigsten versucht habe...
Einen Tag später ehrte die Deutsche Bahn an dieser Stelle bereits mit einem aktuellen Banner den Weltmeister Italien - wenn man politisch tätig ist und dann und wann mit der DB zu tun hat, glaubt man nicht, dass die sooo schnell reagieren können, sich derartig schnell bewegen können....
Für die Berliner ist aber noch lange nicht Schluss - die zur Fanmeile umgewandelte Straße des 17. Juni bleibt weiter gesperrt
, denn die Love-Parade steht eine Woche später an. Und es werden wieder Löcher aufgerissen, denn die Baustelle der Kanzler-U-Bahn ist zur WM nur zugeschüttet worden - jetzt geht es da auch weiter. Auf dem Wasser ohnehin - da kommt die WSP noch nicht enmal dazu, dass tolle Schild freizuschneiden, das die jeweils aktuellen Engstellen aufführt! Berlin ist eine Baustelle und wird es wohl auch immer bleiben.
Abends am Anleger Charlottenburg - ja ist das nicht, ja klar, das ist sie, die
Kolibri von Yachtcharter Heinzig - zweimal sind wir mir ihr durch Deutschlands Osten gefahren und letztlich hat sie unseren Entschluss für ein eigenes Boot - und zwar für eine MARCO 860 - reifen lassen. Ich mache dahinter fest - wenn ich daran denke, dass ich bei diesem Boot mal den Kühlschrank gekillt habe, mitten im Hochsommser. Wer schon länger meine Reiseberichte liest, kann sich vielleicht daran erinnern: Abtauen von Kühlschränken ist meine Spezialdisziplin, vor allem spät abends...
Morgens noch eine Überraschung: Seit Tagen geistert dieses Schiff durch den NIF - Brückenuntersuchungen durch das Brückenuntersuchungsschiff
Argusauge - und da fährt es doch am Anleger vorbei - leider habe ich sie nie in Aktion gesehen, würde mich doch mal interessieren wie das aussieht, wenn die
Argusauge ein ebensolches auf eine Brücke wirft...
Kulinarischer Tipp: Anleger Charlottenburg, direkt um die Ecke, ein "Russe",
Sanowar, russische Spezialitäten, zum Beispiel die urkainische Kartoffelrahmusppe mit Lachstreifen, Röstzwiebeln und frischen Kräutern - und Smetana. Übrigens wurde hier Geschichte geschrieben, Musikgeschichte jedenfalls, denn in der Pension Hasstof im Nachbarhaus schrieb Kurt Weill 1928 die Musik zu Brechts Dreigroschenoper - "Und der Haifisch..."
Auch sehr lecker: Geflügel-Koljanka, Putenbrust mit Lauchstreifen, roter Beete, alles mit Smetana und diesmal auf Reis. Smetana ist übrigens einfach Sahne. Aber Obacht: Mit viel Liebe (und sehr gehaltvoll) gekocht. Sonntags gibt es dort Brunch - für kleines Geld kann man sich da quer durch die russische Küche essen. Außerdem ganz schnell erreichbar: Ein guter "Spanier" und das "Große Frühstück" für 2.99 ab 7.00 Uhr - was will der Magen mehr?
Während der letzten Tage war die Fischerinsel - neben dem Anleger Charlottenburg - unser zuhause auf dem Wasser. Vier Boote können hier abseits von Schwell und Hektik mitten im Zentrum der Stadt liegen. Allerdings ist die Durchfahrtshöhe begrenzt: Die Yacht aus Leerdam musste oben herum komplett abgebaut werden, um den Liegeplatz zu erreichen. Die Bogenbrücken haben in der Mitte etwa 3 Meter, vielleicht ein wenig mehr. Meinen Mast (2,90m) kann ich jedenfalls stehen lassen. Von hier kann man die gesamte City prima erreichen, per Bahn und Bus, zu Fuß (Brandenburger Tor in 15min) oder auch per Rad - wobei Radfahren in Berlin eine spezielle Sache ist - jedenfalls nicht meine. Einmal versucht, nie wieder.
Ein Ziel meiner Exkursionen: Das Holocaust-Mahnmal - nach endloser Debatte dann doch verwirklicht. An zentraler Stelle der Hauptstadt eine gigantische Erinnerung und Mahnung - viele Besuchergruppen sind unterwegs, sitzen irgendwo auf einer der Stelen, lassen sich informieren, diskutieren.
Zentraler geht es kaum und dieser Platz wird der Bedeutung gerecht. Mitten drin, mit Blick auf Reichstag und Potsdamer Platz, eine bessere Stelle hätte man nicht finden können.
Es ist beklemmend, in das Stelenfeld hinein zu tauchen. Nach den vielen Bildern und veröffentlichten Meinungen muss ich sagen: Dieses Gefühl ist schon beeindruckend.
Kinder haben ihre eigene Art sich so ein Monument zu erschließen. Gerade der Gegensatz zwischen dem bedrohlichen Grau der Stelen und den bunt gekleideten Touristen ist reizvoll, genau so wie das helle Kinderlachen beim Spielen zwischen den Betonblöcken in dieser eher dunklen Atmosphäre. Ansehen!
Frühmorgens eine Runde durch Berlin - während die Großstadt erwacht. Besorgte Blicke der Ordnungshüterin ins Wasser - was schwimmt da? So ganz allein vor dem zentralen Machtzentrum der Republik - ob Angela schon wach ist? Wahrscheinlich sitzt sie in der Küche, heute Abend kommt doch Dschordsch Dabbelju zum Grillen nach Twinwillariba (oder so ähnlich) - auch ganz schön im Stress die Gute....
Der Landwehrkanal am Morgen - die Bäume spiegeln sich im Wasser, ein friedliches Bild.
In ein paar Stunden werden sich hier die Fahrgastschiffe die Klinke in die Hand geben, da hat das Wasser dann keine Zeit mehr, sich zu beruhigen.
Es geht durch den Zoo, doch keine Angst, soo weit können selbst die Turbo-Lamas nicht spucken. Ansonsten sind es Volieren, die an den Kanal grenzen - und die Geier sind eingesperrt!
Die WM-Sponsoren haben überall ihre "Spuren" hinterlassen, ohne Rücksicht auf Verluste (was die Optik angeht) wurde alles zugekleistert. Gerade hier an der Straße des 17. Juni konnte man einen Blick auf das Charlottenburger Tor werfen - alles Samsung oder was?
Die Wassertremperatur beträgt mittlerweile überall um die 22-26 Grad, das ist nicht gut für die Natur. Algen werden mehr und mehr, tote Fisch treiben im Wasser und andere Tiere hat es auch erwischt. Regen, frisches Wasser, Abkühlung - das alles würde helfen. Aber die Stauhaltung oberhalb der Mühlendammschleuse leidet wie in jedem Sommer unter Wassermangel, die Tauchtiefen sind schon herabgesetzt worden und die Sportschifffahrt muss sich auf Wartezeiten beim Schleusen einstellen: Wasser sparen heißt die Devise.
Mit Keschern und Greifern versuchen diese Männer im Landwehrkanal, den festen Bestandteilen auf und im Wasser zu Leibe zu rücken. Flaschen, jede Menge Holz, Plastiktüten - die übliche (und für uns manchmal üble) Mischung dümpelt auf den Kanälen in Berlin.
Hätte es mir jemand erzählt, ich hätte ihn ausgelacht, aber die
Rudolf Kloos ist ein
Belüftungsschiff, das sich mit dröhnedem Motor langsam durch den Kanal schiebt, dahinter schäumt und brodelt es, hier wird dem Wasser also die dringend benötigte Luft zugeführt. Ich glaube, davon müsste man aber eine ganze Flotte haben.
Erste Fahrgastschiffe auf dem Weg zur Arbeit. Im Urbanhafen liegen viele von ihnen über Nacht oder draußen in Treptow - nun sind sie auf dem Weg zu ihren Startpunkten in der Stadt. Ein neuer heißer Ferien-Tag verspricht wieder viele Touristen.
Auch am Bendler-Block wird schon gearbeitet. Exerzieren für den nächsten Staatsbesuch, den nächsten Wachwechsel oder was auch immer. Die Kommandos hallen bis an den Kanal, mehrere Gruppen mehr oder weniger behängter Uniformträger sind auf dem Gelände unterwegs. Formalausbildung - meine absolute Lieblingsdisziplin während meiner kurzen Stippvisite "beim Bund"....
"Etwas" weiter - Molecule men - die berühmte Großskulptur des amerikanischen Bildhauers Jonathan Borowski in Friedrichshain und "im Schritt" die schönste Brücke Berlins, die Oberbaumbrücke.
Überall stehen jetzt Schilder am Wasser
mit Hinweisen zu den Sehenswürdigkeiten in der Nähe - auch wenn es gar keine Anlegemöglichkeiten gibt. Immerhin eine gute Orientierungsmöglichkeit.
Nochmal solo - eine wunderschöne Brücke, die nach der Wiedervereinigung aufwändig wieder hergestellt worden ist. Echtes Schmuckstück, aber ich gebe zu, es gibt noch andere schöne Brücken in Berlin....
East-Side-Gallery - die Mauer als Kunstwerk - immer noch Friedrichshain
Schwimmbad der besonderen Art - schwimmend! Baden in der Spree ist hier wirklich nicht zu empfehlen, kaum noch Strömung, viel zu warm und intensiver Verkehr im und am Wasser, daher macht dieses schwimmende Schwimmbecken durchaus Sinn. Baden an aber nicht in der Spree.
Und dann schließt sich die Runde - Reichstag, Bahnhof, Kanzleramt. Mehr Informationen über Berlin findet man auf meiner
interaktiven Revierkarte Berlin! Letzter Morgen in Berlin, Moabit, plötzlich Motorengeheul, Martinshorn - und dann fahren sie über die Lessingbrücke, die Trucks für die Loveparade. Im Schritttempo, mit langer Auto-Schlange hinter sich - was werden die Berliner froh sein, wenn dieses Event vorrüber ist, denn dann wird auch der 17. Juni wieder geöffnet (also die Straße desselben). Aber da muss die Stadt nun erst einmal durch.
Und das heißt erst einmal wieder: Fans ertragen, diesmal eine andere Sorte. Die Techno-Freaks campieren überall, der Landwehrkanal mutiert zur Zelt-Meile, sie kommen aus ganz Europa, endlich wieder Love-Parade. Die 1989 erstmals als poltische Demonstration (Was oder gegen was oder für was sollte da genau demonstriert werden?) stattfindende Mega-Tanz-Event zog zuletzt eineinhalb Millionen Besucher an - und weil es als politische Veranstaltung durchging, gingen die Kosten für Müllbeseitigung und Ordnungskräfte-Einsatz zu Lasten des Steuerzahlers. Ein Unding, darum muss der Veranstalter seit 2001 auch diese Kosten aufbringen - zwei Jahre Ausfall waren die Folge. Nun mit neuem Sponsor ein neues Glück, dafür ohne den Erfinder Dr. Motto.
Notfalls geht´s auch ohne Zelt - aber die Szene hat sich gewandelt. Die Berliner Hotels sind für dieses Wochenende sehr gut ausgelastet, viele der Dauertänzer sind in die Jahre gekommen und verachten auch den Komfort eines guten Hotels nicht. Techno ist halt auch nicht mehr das, was es mal war - früher ging der Raver mit Stahlhelm und Gasmaske garniert, einen alten Siemens-Staubsauger auf den Rücken geschnallt und anständig Speed intus in die Clubs - das war noch richtigt Hard-Core. Heute wird mit EC-Karte bezahlt und im hoteleigenen Wellnes-Bereich bringt man sich morgens wieder auf die Beine nach durchhexter Nacht. Immerhin - 1,2 Millionen drängten sich 2006 um die Trucks!
Ich bin mit dem Boot auf dem Landwehrkanal bis zur Straße des 17. Juni gefahren - leider konnte man nichts sehen von den sich rhythmisch bewegenden Damen und Herren in exzentrischem Outfit oder fast ohne Outfit oder wie auch immer. Aber man konnte es hören, es war absolut nicht zu überhören! Bereits eine Brücke vorher wurde das Geräusch des VETUS-Diesels übertönt. Auf Höhe des Bereitschaftsbootes der DLRG begann irgend etwas im Boot gefährlich zu vibrieren, ich weiß nicht was aber es dröhnte und röhrte dass ich dachte, gleich fliegt mir das Hardtop um die Ohren. Seit diesem Tag definiere ich "laut" anders, selbst in der Nacht, in Charlottenburg, Kilometer vom Großen Stern entfernt, war die Musik deutlich zu hören. Naja, HNO-Ärzte wollen schließlich auch leben und die Hörgeräte-Industrie ist ein echter Wachstumsmarkt, ich werde meinen Anlageberater anweisen, hier Aktien zu kaufen - zukunftsträchtiger Wirtschaftszweig!
Wir wollen weiter - über die Untere Havel in Richtung Elbe und dann nach Lübeck - da das Wetter uns immer noch verwöhnt, werden wir uns Zeit nehmen, viele kleine Seen und Altwasser locken zum Verweilen, Anker werfen, baden, faulenzen - den Vögeln zuhören, die Sonne untergehen und im Frühnebel wieder aus dem Wasser steigen sehen - wir werden uns nicht hetzen lassen. Soviel Zeit muss sein, man gönnt sich ja sonst nichts - die neue Schleuse Charlottenburg bringt uns wieder herunter auf das Niveau des Wannsees.
Wir verlassen Berlin - aber den Stöpsel ziehen wir doch nicht, das wäre echt gemein. Berlin und seine Wasserwege - das hat schon was. Wer noch nie Berlin mit dem Boot und vom Boot aus entdeckt hat, der sollte das schleunigst nachholen. Es macht echt Spaß, die Hauptstadt auf diese Art zu bereisen. Und die vielen Wasserwanderrastplätze machen das zu einem wirklich preiswerten Abenteuer.